12
Werner.
betrachtet, muss Amari’s Polemik gegen Yico als eine der rechten
Tiefe entbehrende bemängelt werden. Es genügt nicht zu sagen,
dass die Transmission von Gesetzen, von Recht und Cultur
ein geschichtliches Factum sei; denn diess mochte für spätere
entwickeltere Zustände des menschheitlichen Geschichtslebens
wol auch Yico nicht ableugnen wollen. Das von Amari als
Beschluss und Gebot der göttlichen Providenz citirte Wort:
,Gehet hin und lehret die Völker* wusste auch Vico von seinem
Standpunkte aus zu würdigen; für ihn war jedoch die Ausbreitung
der christlichen Weltcultur nur ein Letztes, was die
selbstige Eigenheit und Entwickelung der Völker nicht aufhebt,
sondern vielmehr als Vorausgegangenes voraussetzt. Richtig
und treffend ist wol die Bemerkung Amari’s, dass bei Vico
die Idee in übergeschichtlicher Höhe sich hält, dass sie nicht
die Macht eines durchgreifenden Principes bethätiget, und
demnach auch den continuirlichen Fortschritt in der geschichtlichen
Entwickelung der Menschheit nicht zu seinem vollen
Rechte kommen lässt. Aber auch hier Hesse sich die später
zu erörternde Frage aufwerfen, ob Amari die Idee des Fortschrittes
nicht in einem zu optimistischen Sinne auffasse, und
ob nicht dieser Optimismus in der Beschränkung seines Blickes
auf das Gebiet der europäischen Culturwelt seinen Grund habe.
Sicher ist, dass er ein bestimmtes Grundgebrechen der anthropologischen
Basirung der Geschichtsphilosophie Vico’s nicht
erkannte, und desshalb auch über sein Verhältniss zu Vico,
in dessen Banden er sich trotz des Gefühles der Ungenüge
der Anschauungen desselben geistig gefangen bekannte, 1 nicht
zur vollen Klarheit zu gelangen vermochte. Dieses Grundgebrechen
besteht bei Vico darin, dass er, den Blick auf das
allgemeine Wesen der Menschennatur gerichtet haltend, die
grundwesentliche, aus dem Begriffe der Gattungsgemeinschaft
sich ergebende Bedeutung der concretisirenden Diversificationen
der Gattungsidee in den einzelnen Gattungsindividuen nicht
erfasste, und demzufolge auch unterliess, dieses Princip der
Diversification von den einander ergänzenden Einzelindividuen
auf die einander wechselseitig ergänzenden Völkerindividuen
zu übertragen. Daher seine seltsame und widergeschichtHche
Noi pnre umili diseepoli di quel sommo.
Critica, p. 280.