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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 96. Band, (Jahrgang 1880)

Ueber  die  grossen  Seuchen  des  Orients  nach  arabischen  Quellen.

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Die  Pest  aber  hörte  auf.  Der  Pascha  liess  eine  grosse  Procession
  veranstalten,  um  Gott  für  die  Abwendung  der  Gefahr
zu  danken  und  den  Todten  liess  er  feierlichst  begraben. 1
Am  nächsten  Morgen  kam  ein  anderer  Türke,  stellte  sich
mitten  auf  den  grossen  Markt  hin,  zog  seine  Kleider  aus  und
schnitt  sich  den  Bauch  auf,  aus  dem  er  die  Gedärme  herausriss, ­
  indem  er  rief:  ,Ich  sterbe  aus  Liebe  zu  dem  Propheten
Mohammed,  dem  ich  hiemit  meine  Eingeweide  aufopfere  k
Wir  haben  es  hier  mit  Fällen  von  religiösem  Wahnsinn
zu  thun,  wie  er  allmälig,  besonders  mit  der  Verbreitung  der
Derwischorden  und  der  schwärmerischen  Lehren  des  Sufismus,
des  pantheistischen  Mysticismus,  immer  häufiger  sich  bemerkbar ­
  zu  machen  begann.  Der  ekstatische  Derwisch,  welcher
im  Gefühle  seines  nahen  Todes  sich  auf  den  Bazar  begibt  und
dort  das  Aufhören  der  Pest  verkündigt,  glaubte  selbst  daran
und  die  Volksmenge,  die  ihm  zuhörte,  war  ebenfalls  unter  dem
Eindrücke  derselben  Geistesrichtung  so  überzeugt  von  der  Wahrheit ­
  seiner  Worte,  dass  sie  wirklich  unmittelbar  nach  seinem
Tode  das  Aufhören  der  Pest  wahrzunehmen  glaubte.
Der  andere  Derwisch,  welcher  sich  aus  Liebe  zu  dem
Propheten  tödtete,  ist  einfach  ein  verrückter  Fakyr,  wie  man
sie  noch  heutzutage  bei  den  grossen  Volksfesten  und  Messen
des  Orients  sehen  kann.  Noch  jetzt  kann  man  alljährlich  bei
der  Feier  des  Geburtsfestes  Mohammeds  in  Kairo  die  Ceremonie
  des  Ueberreitens  sehen,  bei  der  sich  einige  hundert
Fanatiker  und  religiöse  Schwärmer  von  dem  Scheich  überreiten
lassen,  was  immer  mehrere  Verletzungen,  zuweilen  mit  tödtlichem
  Ausgange,  zur  Folge  hat.
Solcher  religiöse  Wahnsinn  ist  dem  Geiste  des  alten
Islams  vollkommen  fremd  und  unbekannt,  ebenso  wie  alle  die
später  erdachten,  auf  Erhöhung  der  religiösen  Stimmung  abzielenden ­
  Ceremonien,  wie:  öffentliche  Bittgänge  und  Pro-1

  Ich  muss  hier  die  Bemerkung  beifügen,  dass  auch  bei  der  Epidemie  von
1348  in  Europa  Fälle  vorkamen,  wo  Leute  in  Ekstase  geriethen  und
nicht  nur  die  eigene  Todesstunde  genau  angaben,  sondern  auch  jene  bezeichneten,
  die  nach  ihnen  sterben  würden.  Peinlich:  Geschichte  der
Pest  in  Steiermark  I,  S.  333.

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