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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 96. Band, (Jahrgang 1880)

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Kremer.

Neuerung;  sie  hielten  an  der  alten  orthodoxen  Auffassung  fest,
dass  die  Pest  eine  Reinigung  von  dem  Schmutz  der  Sünde  sei,
und  jeder,  der  daran  sterbe,  als  Märtyrer  zu  gelten  habe.
Ueber  solche  Fragen  haben  die  arabischen  Theologen  viel
Papier  und  Tinte  vergeudet.  Aber  die  jüngere  Generation
neigte  sich  immer  mehr  abergläubischen  Gebräuchen  zu  und
hielt  daher  auch  derartige  Massengebete  bei  Pestgefahr  für
zulässig  und  empfehlenswerth.  1
Diese  Schulzänkereien  der  arabischen  Theologen  haben
an  sich  gar  keinen  Werth,  aber  als  Belege  für  das  Umsichgreifen ­
  der  abergläubischen  Geistesrichtung,  gleichzeitig  mit
dem  Verfalle  der  Cultur  und  der  allmäligen  Aenderung  der
Denkart,  unter  dem  Eindrücke  der  überhandnehmenden  Seuchen,
sind  diese  Thatsachen  von  Wichtigkeit,  als  Beweismittel  für
die  früher  aufgestellte  Behauptung.
Je  mehr  an  die  Stelle  der  altarabischen  Cultur  die  rohe
türkische  Soldatenherrschaft  trat,  desto  mehr  hörte  auch  jedes
echte  religiöse  Gefühl  auf  und  erstarkte  der  blinde  Fanatismus,
welcher  bald  jede  unabhängige  Geistesregung  erstickte.  Durch
die  grossen  Epidemien  mächtig  gefördert,  griff  der  Aberglaube
mehr  und  mehr  um  sich  und  beherrschte  immer  unwiderstehlicher ­
  die  Gemüther.  Die  religiösen  Ideen  des  Islams  erfuhren
auf  diese  Art  eine  immer  grössere  Umgestaltung.
Ein  merkwürdiges  Beispiel  hiefür  erzählt  der  französische
Reisende  Villamont,  der  im  Jahre  1589  Cypern  besuchte. 2
Es  war  in  Famagusta  im  Monat  Mai,  als  die  Pest  dort
heftig  wiithete,  dass  ein  Türke  auf  der  Strasse  zu  rufen  begann, ­
  es  solle  sich  jeder  auf  den  grossen  Bazar  begeben,  daselbst ­
  wolle  er  gute  Nachricht  verkündigen,  wie  sie  von  der
Pest  befreit  würden.  Vieles  Volk  versammelte  sich  auch  auf
dem  Markte,  wo  derselbe  Türke  tanzend  und  springend  Folgendes ­
  sprach:  ,Freuet  euch  alle  und  tanzet  mit  mir,  denn  ich
verkündige  euch,  dass  ich  in  einer  halben  Stunde  an  dieser
Stelle  sterben  werde  und  unmittelbar  nach  meinem  Tode  wird
die  Pest  auf  hören'.  Dag  Volk  wartete  und  wirklich,  nach  Verlauf ­
  einer  halben  Stunde,  stürzte  er  plötzlich  todt  zu  Boden.

1  Sojuty.
2  Les  voyages  du  Seigneur  de  Villamont.  Lyon,  1606,  III,  p.  407.
            
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