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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 96. Band, (Jahrgang 1880)

96

K  r  e  ra  e  r.

mich  beschirmen;  es  ist  vergebens  einem  Dinge  zn  entlaufen,
dem  man  nicht  entlaufen  kann.  Mein  Hof  und  Haus  sind  auch
eben  jetzt  von  der  Pest  nicht  frei,  gleichwohl  bleibe  ich  darinnen;
der  Gesandte  würde  nach  meinem  Urtheile  auch  besser  tliun,
wenn  er  bliebe,  wo  er  ist'.
Von  demselben  kaiserlichen  Internuntius  v.  Busbeck  besitzen ­
  wir  auch  andere  werthvolle  Nachrichten  über  die  weiteren
praktischen  Wirkungen  dieses  blinden  Glaubens  an  das  unvermeidliche ­
  und  unabwendbare  Verhängniss.  ,Die  Türken',  sagt
er,  gebrauchen  ohne  Bedenken  die  Kleider  und  Wäsche,  in
welchen  Pestkranke  gestorben  sind,  tvenngleich  sie  noch  von
dem  Todesschweisse  feucht  sind,  ja  sie  reiben  sich  damit  die
Gesichter:  wenn  es  Gott  beliebt,  sagen  sie,  dass  ich  an  der
Pest  sterbe,  so  ist  es  unausweichlich,  wo  nicht,  so  kann  es  mir
nicht  schaden.  So  wird  der  Ansteckung  Thor  und  Thür  geöffnet ­
  und  ganze  Familien  sterben  aus.'
Auch  in  Kairo  hatte  sich  dieser  blinde  Aberglaube  verbreitet ­
  und  so  fest  Wurzel  gefasst,  dass  ein  Reisender  sich
folgendermaassen  ausspricht:  ,Wegen  dieser  Meinung  der  Türken
wiithet  die  Pest  vielmals  in  Alltairo  so  hefftig  und  reisset  so
■eine  grosse  Menge  Menschen  darnieder,  dass  zu  unterschiedenen
Malen  allda  innerhalb  sechs  oder  sieben  Monaten  über  500.000
Menschen  an  dieser  schädlichen  Seuche  gestorben  sind.  Also,
sag  ich  nun,  weil  dieses  der  Türken  Meinung  ist,  als  lieffen
sie  damals  promiscue  ohne  Unterschied  in  die  inficirten  Häuser;
geschah  aber  dadurch,  dass  unzählich  andere  angesteckt  wurden,
die  auch  also  hauffenweiss  das  Leben  lassen  mussten.' 1
Unter  dem  Eindrücke  dieses  allmälig  immer  stärkere
Wurzel  fassenden  blinden  Glaubens  kamen  nach  und  nach
verschiedene  abergläubische  Gebräuche  auf,  die  dem  Geiste
des  früheren  Zeitalters  gänzlich  fremd  waren.  So  war  es  früher
in  den  mohammedanischen  Ländern  nicht  üblich,  dass  man  in
Pestzeiten  besondere  Gebete  um  Erlösung  von  dieser  Geissei
abgehalten  hätte.  Nur  bei  grosser  Dürre  und  Regenmangel
pfleg'te  man  öffentliche  Gebete  abzuhalten,  aber  nie  bei  Pestgefahr.
1  Dapper  in  seinem  Afrika,  in  der  Beschreibung-  von  Aegypten,  p.  129;
citirt  nach  'Magii;  OsrpaToc,  Gottes  Hand  und  Geissei,  oder:  Warhaffte
Darstellung  und  Beschreibung  der  meisten  denkwürdigen  Pestseuchen
u.  s.  w.  von  M.  Job.  Christ.  Hahnen,  Nürnberg,  1684.
            
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