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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 96. Band, (Jahrgang 1880)

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Krem  er.

wo  ihr  seid,  so  ergreifet  nicht  aus  Furcht  vor  ihr  die  Flucht,
und  hört  ihr,  dass  sie  in  einem  Lande  sei,  so  reiset  nicht  hin/  1
Die  strenge  Beobachtung  dieser  Verhaltungsvorschrift
würde  allein  genügt  haben,  dem  Umsichgreifen  der  grossen
ansteckenden  Seuchen  Grenzen  zu  setzen,  indem  dadurch  die
Abschliessung  der  inticirten  Orte  herbeigeführt  werden  musste.
Allein  trotz  der  religiösen  Weihe  dieser  Vorschrift,  die  in  der
That  für  das  Verhalten  der  mohammedanischen  Völker  in  Pestzeit ­
  einen  maassgebenden  Einfluss  hatte  und  ganz  besonders
in  der  späteren,  bigotten  Periode  des  Islams,  siegte  doch  nicht
selten  der  Selbsterhaltungstrieb  über  den  blinden  Glauben  und
man  suchte  das  Heil  in  der  Flucht.
Es  ist  höchst  bezeichnend  für  den  grossen  Unterschied
in  der  Denkart  der  älteren  mohammedanischen  Generationen
und  der  jüngeren,  dass  der  stumpfsinnige,  blinde  Glaube  an
das  unabänderliche  Fatum,  das  gedankenlose  Hingeben  an  die
höhere  Schicksalsbestimmung,  wie  sie  im  späteren  Islam  auftreten,
  in  der  früheren  Zeit  durchaus  nicht  so  verbreitet  vraren.
Die  Ommajjaden-Chalifen  brachten  den  grössten  Theil  des

1  Das  Wort  rigz,  das  in  dieser  Tradition  vorkommt,  ist,  wie  so  viel  Anderes,
bei  den  arabischen  Grammatikern  und  Lexicographen  einfach  die  Ausgeburt ­
  eines  Missverständnisses.  Es  wird  nämlich  von  einer  Reihe  angesehener ­
  Traditionisten  ('Abdalrazzäk  in  seinem  Mosannaf,  Ibn  Aby
Shaibah,  Ahmad  Ibn  Hanbal  im  Mosnad,  Ibn  Aby-ldonjä  in  seinem  Buche
der  Pestepidemien,  Kitäb  altawä’vn,  dann  von  Bazzär,  Abn  Ja'lä,  Tabaräny,
  Ibn  Chozaimah  u.  s.  w.)  eine  von  Baihaky  ausdrücklich  für  echt
erklärte  Tradition  überliefert,  die  auf  Abn  Musä  Ash'ary  zurückgeht  und
nach  welcher  der  Prophet  gesagt  haben  soll:  ,Die  Vernichtung  meines
Volkes  erfolgt  durch  den  Lanzenstich  (ta*n)  und  die  Pest  (tä'unV.  Da
sprach  man:  ,0  Gesandter  Gottes,  den  Lanzenstich  kennen  wir,  aber
lass  uns  wissen,  was  die  Pest  sei*.  Er  sprach:  ,Es  ist  ein  Stechen  der
euch  feindlichen  Geister  (ginn)  und  der  Tod  durch  das  eine  oder  andere
bringt  das  Märtyrerthum  mit  sich 4 .  Es  scheint  demnach,  dass  es  eine
alterthümliche  Vorstellung  war,  die  Pest  als  die  Folge  der  Stiche  böser
Geister  darzustellen.  Das  Wort  für  Stechen  lautet  hier  ;  durch
Verschreibung  entstand  daraus  das  i n  der  Bedeutung  von  Schmutz,
Unreinigkeit  in  die  Tradition  sich  einschlich  und  später,  als  die  Theologen ­
  mit  der  Definition  der  Sünde,  als  einer  materiellen  Beschmutzung,
fertig  geworden  waren,  um  so  lieber  festgehalten  ward,  da  diese  Idee
den  Theorien  der  Theologen  besser  entsprach,  als  die  erste  ursprüngliche ­
  Lesart.
            
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