Voltaire-Studien.
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bezeichnen, so ist er gleich dem Unterschiede von Empirie
und Speculation: die mit Lessing anhebende speculative Theologie
sucht die von der Realphilosophie zersetzten Dogmen zu
sublimiren und zugleich den höheren geistigen Forderungen
der Zeit anzupassen.
Die Darstellung Voltaire’s, über welche ein Wort gestattet
sein möge, ist bald mehr ironisch gehalten, bald ergeht sie
sich in den unzweideutigsten Invectiven. Besonders wenn er
die Maske des Engländers vornimmt, wird seine Ausdrucksweise
heftig, extrem. Kein Terminus scheint mir weniger berechtigt,
als das Wort .frivol', womit man Voltaire’s Art zu
kennzeichnen liebt. 1 Ihm war es mit der Sache wahrlieh bittrer
Ernst. Nur die Schwerfälligkeit oder der böse Wille können
sich durch seine Witze und Spöttereien veranlasst fühlen, ihm
Mangel an Ernst vorzuwerfen. Voltaire repräsentirt das äusserste
Gegentheil des Indifferentismus. Die Aufklärung über die
höchsten Fragen des Daseins ist seine vornehmste Leidenschaft.
Sie ist der innerste Beweggrund seiner heftigen Angriffe auf
diejenigen Mächte, welche ihrer ungehemmten Entfaltung feindlich
entgegen treten. Ihm standen Pathos und Cynismus gleich
sehr zur Verfügung. Er wollte gar nicht schonen, er wollte
verletzen, weil ihm die Dinge so sehr am Pierzen lagen. Wenn
er die Linien des ästhetisch Erlaubten vielleicht überschritt,
so möge man dies ästhetisch tadeln. Wer möchte aber Jemandem
Vorwürfe machen, dass er im Eifer des Kampfes die
Regeln Übertritt, welche auf dem akademischen Fechtboden
ihre Berechtigung allenfalls haben?
Das Reich der Wirklichkeit, zu dem doch hoffentlich der
Kampf um die höchsten Güter des Geistes gehört, unterliegt
anderen Gesetzen, als das Reich des schönen Scheines. Allein
auch der ästhetische Tadel ist übel angebracht, da Voltaire, trotz
der Energie und Leidenschaftlichkeit seiner Empfindung, sich
fast immer innerhalb der Grenzen des Anmuthigen hält; er ist
der liebenswürdigste Spötter, den es je gegeben hat. Er hat die
künstlerische Transfiguration der Unflätherei und Zote zu Wege
gebracht. Es liegt etwas wie Bonhomie über einem grossen
1 Was es überhaupt mit dem Vorwurfe der Frivolität auf sich habe, exponirt,
D. Fr. Stranss in seinem Voltaire. (G. W. XI, 152.)