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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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bezeichnen,  so  ist  er  gleich  dem  Unterschiede  von  Empirie
und  Speculation:  die  mit  Lessing  anhebende  speculative  Theologie ­
  sucht  die  von  der  Realphilosophie  zersetzten  Dogmen  zu
sublimiren  und  zugleich  den  höheren  geistigen  Forderungen
der  Zeit  anzupassen.
Die  Darstellung  Voltaire’s,  über  welche  ein  Wort  gestattet
sein  möge,  ist  bald  mehr  ironisch  gehalten,  bald  ergeht  sie
sich  in  den  unzweideutigsten  Invectiven.  Besonders  wenn  er
die  Maske  des  Engländers  vornimmt,  wird  seine  Ausdrucksweise ­
  heftig,  extrem.  Kein  Terminus  scheint  mir  weniger  berechtigt, ­
  als  das  Wort  .frivol',  womit  man  Voltaire’s  Art  zu
kennzeichnen  liebt. 1  Ihm  war  es  mit  der  Sache  wahrlieh  bittrer
Ernst.  Nur  die  Schwerfälligkeit  oder  der  böse  Wille  können
sich  durch  seine  Witze  und  Spöttereien  veranlasst  fühlen,  ihm
Mangel  an  Ernst  vorzuwerfen.  Voltaire  repräsentirt  das  äusserste
Gegentheil  des  Indifferentismus.  Die  Aufklärung  über  die
höchsten  Fragen  des  Daseins  ist  seine  vornehmste  Leidenschaft.
Sie  ist  der  innerste  Beweggrund  seiner  heftigen  Angriffe  auf
diejenigen  Mächte,  welche  ihrer  ungehemmten  Entfaltung  feindlich ­
  entgegen  treten.  Ihm  standen  Pathos  und  Cynismus  gleich
sehr  zur  Verfügung.  Er  wollte  gar  nicht  schonen,  er  wollte
verletzen,  weil  ihm  die  Dinge  so  sehr  am  Pierzen  lagen.  Wenn
er  die  Linien  des  ästhetisch  Erlaubten  vielleicht  überschritt,
so  möge  man  dies  ästhetisch  tadeln.  Wer  möchte  aber  Jemandem ­
  Vorwürfe  machen,  dass  er  im  Eifer  des  Kampfes  die
Regeln  Übertritt,  welche  auf  dem  akademischen  Fechtboden
ihre  Berechtigung  allenfalls  haben?
Das  Reich  der  Wirklichkeit,  zu  dem  doch  hoffentlich  der
Kampf  um  die  höchsten  Güter  des  Geistes  gehört,  unterliegt
anderen  Gesetzen,  als  das  Reich  des  schönen  Scheines.  Allein
auch  der  ästhetische  Tadel  ist  übel  angebracht,  da  Voltaire,  trotz
der  Energie  und  Leidenschaftlichkeit  seiner  Empfindung,  sich
fast  immer  innerhalb  der  Grenzen  des  Anmuthigen  hält;  er  ist
der  liebenswürdigste  Spötter,  den  es  je  gegeben  hat.  Er  hat  die
künstlerische  Transfiguration  der  Unflätherei  und  Zote  zu  Wege
gebracht.  Es  liegt  etwas  wie  Bonhomie  über  einem  grossen

1  Was  es  überhaupt  mit  dem  Vorwurfe  der  Frivolität  auf  sich  habe,  exponirt,
  D.  Fr.  Stranss  in  seinem  Voltaire.  (G.  W.  XI,  152.)
            
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