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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

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M  a  y  r.

Alte  Testament  wurzelt  in  dem  actuelleren  Interesse  für  die
christliche  Religion. 1  Voltaire’s  Stellung  in  dem  langen  Kampfe
zwischen  Philosophie  und  Glauben  ist  durch  den  Gebrauch
gekennzeichnet,  welchen  er  von  den  Waffen  der  historischen  und
philosophischen  Kritik  gegen  den  Glauben  macht.  Seit  der
Reformation  war  der  Katholicismus  bemüht,  die  Angriffe  der
historischen,  theologischen  und  philosophischen  Kritik  von  sich
abzuwehren;  der  historischen  Kritik  gewährte  er  nur  zu  den
äussersten  Vorwerken  Zugang;  die  theologische  Kritik  blieb
eine  rein  interne,  den  Laien  verschlossene  Angelegenheit;  mit
der  Philosophie  wussten  sich  namentlich  die  Jesuiten  geschickt
abzufinden.  Innerhalb  des  Protestantismus  war  immer  eine
fortdrängende  Richtung  vorhanden,  welche  jederlei  Kritik  die
weitesten  Concessionen  machte,  aber  doch  im  Sinne  der  Erhaltung ­
  und  des  Glaubens.  Erst  die  neuere  Philosophie,  indem
sie  sich  über  den  Gegensatz  der  Confessionen  erhob,  proclamirte
  auch  das  Recht  der  Vernunft,  das  Christenthum,  die
Religion  selbst,  in  Frage  zu  stellen.  Die  avancirtesten  Vorkämpfer ­
  des  Deismus  in  England  gingen  von  der  protestantischen ­
  Verneinung  der  Tradition  zur  Bekämpfung  der  Bibel
über,  lösten  den  Zusammenhang  derselben  mit  der  überirdischen
Welt  auf  und  setzten  den  nunmehr  als  menschlich  betrachteten
Lehren  die  Satzungen  eines  blossen  Vernunftglaubens  entgegen.
Voltaire  ging  im  Principe  nicht  über  die  Deisten  hinaus;  abgesehen ­
  von  seinen  schriftstellerischen  Gaben  übertraf  er  sie
jedoch  an  historischer  Gelehrsamkeit.  In  der  Beurtheilung  der
Quellen,  der  Kritik  einzelner  Daten,  in  der  Erklärung  der
religiösen  Erscheinungen  aus  dem  Geiste,  dem  Gemüthszustand,
den  Geschicken  der  Zeitalter,  bewies  er  eine  bis  dahin  einzige
Meisterschaft.  Sollen  wir  noch  den  Unterschied  zwischen  der
englisch-französischen  Religionsphilosophie  und  der  deutschen

1  Ce  peuple  doit  nous  interesser  puisque  nous  tenons  d’eux  notre  religion  .  .
nous  ne  sommes  au  fond  qne  de  Juifs  avec  an  prepuce.  (Essai,  103.)  —
Les  Chretiens,  qui  ne  furent  pendant  Cent  ans,  que  des  demi-juifs  (L’A,
B,  C;  3 mc  Eutretien)  —  nous  qui  devons  notre  religion  ä  un  petit  peuple
abominable,  rogneur  d’espeees  et  marchand  des  rieilles  culottes.  (16.  Aug.
1761  ä  Mairan.)  —  II  y  a  plus  d’absurdite  encore  k  imaginer  qu’une
secte  nee  dans  le  sein  de  ce  fanatisme  juif  est  la  loi  de  Dieu  et  la
verite  ineme.  (A  d’Argence,  11.  Oct.  1763.)
            
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