Voltaire-Studien.
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Duldung üben soll. 1 Zwischen den Zeilen lesen wir den Tadel
gegen das positive Christenthum, das Widerspiel des geschilderten
Idealszustandes. Das Christenthum ist dogmatisch, proselytisch,
fanatisch; es ist eine Volksreligion, die auch die Aristokratie
des Geistes knechten will; es ist theokratisch organisirt und stellt
sich nicht selten dem Staate entgegen; es hat seit anderthalb
Jahrtausenden Streit und Verderben über die Völker gebracht;
es vernachlässigt zu Gunsten des Dogmas die Moral, ja stellt die
fragwürdigsten Exempel der Sittlichkeit zur Nachahmung auf.
Die religiöse Entwicklung Indiens weicht von der Chinas
ab, nähert sich dagegen dem mittleren Durchschnitte. In Indien
haben wir den Ursprung der Theologie zu suchen; hier lebten
die Erfinder und Lehrer der ältesten, späterhin verbreitetsten
Dogmen und Mythologeme. So lange Priesterthum und Königthum
noch nicht getrennt waren, konnte die Religion auf blosse
Vernunft (raison uuiverseile) gegründet werden, wie bei den
Chinesen; als aber das Priesterthum sich ablöste und zur Kaste
versteinerte, trat auch der Verfall der ursprünglichen Religion
zu Tage. 2 Die Bralimanen bewahrten stets eine edlere Glaubensansicht,
als der Haufe. Sie verehrten einen einzigen höchsten
Gott, obwohl sie Untergötter anerkannten; sie lehrten die Weltschöpfung
aus dem Nichts, führten das Uebel der Welt auf den
1 La Canaille erea la Superstition, les honnetes gens la detruisent. (Diner
du Comte de Boulaiuvilliers, Pensees de St-Pierre.) — Chez presque
toutes les nations nommees idolätres il y avait la theologie sacree et
l’erreur populaire, le culte secret et les ceremonies publiques, la religion
des sages et celle de vulgaire. (Art. Idole.)
2 Ueber die Religion der Inder siehe Phil, de l'hist., 17 — Essai, 3—1 —
Defense de mon onele, 1767, c. 13 — Precis du Siecle de Louis XV,
c.. 29 — Art. Bracliraanes; Ezourveidam -— Fragments historiques sur
quelques revolutions dans l inde (1773) — Lettres chinoises, indiennes
et tartares (1776) — Vgl. den Roman: Les lettres d’Amabed (1769) —
Les Indiens de qui toute espece de theologie nous est venue (Phil, de
l’hist., 48) — Les Braclimanes furent les inventeurs de l’astronomie et
de la mythologie (Un Chretien c. six Juifs, II, 1776) — C’est des Indiens
que nous viennent ces prodigieuses austerites . . L’Europe en ce ne fut
que l’imitatrice de l’Inde (Essai, 139) —• II m’a parut evident que notre
sainte religion cliretienne est uniquement fondee sur l’antique religion de
Brahma . . une miserable et froide copie de l’ancienne theologie indienne
(A Frederic II, 21. Dec. 1775) — Vgl. 29. Jänner 1776, 14. Juni 1776
ä La Gentile.