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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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Duldung  üben  soll. 1  Zwischen  den  Zeilen  lesen  wir  den  Tadel
gegen  das  positive  Christenthum,  das  Widerspiel  des  geschilderten
Idealszustandes.  Das  Christenthum  ist  dogmatisch,  proselytisch,
fanatisch;  es  ist  eine  Volksreligion,  die  auch  die  Aristokratie
des  Geistes  knechten  will;  es  ist  theokratisch  organisirt  und  stellt
sich  nicht  selten  dem  Staate  entgegen;  es  hat  seit  anderthalb
Jahrtausenden  Streit  und  Verderben  über  die  Völker  gebracht;
es  vernachlässigt  zu  Gunsten  des  Dogmas  die  Moral,  ja  stellt  die
fragwürdigsten  Exempel  der  Sittlichkeit  zur  Nachahmung  auf.
Die  religiöse  Entwicklung  Indiens  weicht  von  der  Chinas
ab,  nähert  sich  dagegen  dem  mittleren  Durchschnitte.  In  Indien
haben  wir  den  Ursprung  der  Theologie  zu  suchen;  hier  lebten
die  Erfinder  und  Lehrer  der  ältesten,  späterhin  verbreitetsten
Dogmen  und  Mythologeme.  So  lange  Priesterthum  und  Königthum ­
  noch  nicht  getrennt  waren,  konnte  die  Religion  auf  blosse
Vernunft  (raison  uuiverseile)  gegründet  werden,  wie  bei  den
Chinesen;  als  aber  das  Priesterthum  sich  ablöste  und  zur  Kaste
versteinerte,  trat  auch  der  Verfall  der  ursprünglichen  Religion
zu  Tage. 2  Die  Bralimanen  bewahrten  stets  eine  edlere  Glaubensansicht, ­
  als  der  Haufe.  Sie  verehrten  einen  einzigen  höchsten
Gott,  obwohl  sie  Untergötter  anerkannten;  sie  lehrten  die  Weltschöpfung ­
  aus  dem  Nichts,  führten  das  Uebel  der  Welt  auf  den
1  La  Canaille  erea  la  Superstition,  les  honnetes  gens  la  detruisent.  (Diner
du  Comte  de  Boulaiuvilliers,  Pensees  de  St-Pierre.)  —  Chez  presque
toutes  les  nations  nommees  idolätres  il  y  avait  la  theologie  sacree  et
l’erreur  populaire,  le  culte  secret  et  les  ceremonies  publiques,  la  religion
des  sages  et  celle  de  vulgaire.  (Art.  Idole.)
2  Ueber  die  Religion  der  Inder  siehe  Phil,  de  l'hist.,  17  —  Essai,  3—1  —
Defense  de  mon  onele,  1767,  c.  13  —  Precis  du  Siecle  de  Louis  XV,
c..  29  —  Art.  Bracliraanes;  Ezourveidam  -—  Fragments  historiques  sur
quelques  revolutions  dans  l  inde  (1773)  —  Lettres  chinoises,  indiennes
et  tartares  (1776)  —  Vgl.  den  Roman:  Les  lettres  d’Amabed  (1769)  —
Les  Indiens  de  qui  toute  espece  de  theologie  nous  est  venue  (Phil,  de
l’hist.,  48)  —  Les  Braclimanes  furent  les  inventeurs  de  l’astronomie  et
de  la  mythologie  (Un  Chretien  c.  six  Juifs,  II,  1776)  —  C’est  des  Indiens
que  nous  viennent  ces  prodigieuses  austerites  .  .  L’Europe  en  ce  ne  fut
que  l’imitatrice  de  l’Inde  (Essai,  139)  —•  II  m’a  parut  evident  que  notre
sainte  religion  cliretienne  est  uniquement  fondee  sur  l’antique  religion  de
Brahma  .  .  une  miserable  et  froide  copie  de  l’ancienne  theologie  indienne
(A  Frederic  II,  21.  Dec.  1775)  —  Vgl.  29.  Jänner  1776,  14.  Juni  1776
ä  La  Gentile.
            
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