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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

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M  a  y  r.

Letztere  beschränkten  sich  darauf,  Pöbel  und  Pfaffen  in  Zaum
zu  halten,  weshalb  dem  Lande  die  Geissei  der  Religionskriege  und
der  Kampf  zwischen  sacerdotium  und  imperium  erspart  blieb. 1
Auch  als  die  Missionäre  christlicher  Herkunft  den  Fanatismus
zu  schüren  suchten,  vermochte  es  den  Frieden  zu  bewahren.
Infolge  seiner  religiösen  Zustände  war  uud  ist  China,  ungeachtet
seiner  Mediocrität  in  den  Wissenschaften  und  seines  Hanges
zur  Stabilität,  das  bestgesittete  Land  der  Erde. 2
Es  finden  sich  hier  alle  wesentlichen  Stücke  der  Voltaireschen ­
  Religionsphilosophie  beisammen:  sein  Abscheu  gegen  das
Dogma; 3  sein  Hass  gegen  die  Organisation  des  Aberglaubens; 4
sein  Kampf  gegen  eine  Priesterreligion,  die  sich  über  den  Staat
erhebt  und  dem  Fanatismus  Halt  gewährt;  seine  Identification
von  Religion  und  Moral;  seine  Lehre  von  der  Uebereinstimmung
aller  echten  Religion  an  allen  Orten  und  zu  allen  Zeiten; 5
seine  Unterscheidung  zwischen  der  Religion  der  Gebildeten  und
dem  Wahne  des  Haufens,  gegen  welchen,  soferne  er  gewisse
Schranken  überschreitet,  der  Höherstehende  principiell  keinerlei
1  ,Crois  ce  qui  tu  voudras,  mais  fais  ce  que  je  t’ordonne. 1  Dieses  Princip
des  Friedericianischen  Absolutismus  hält  Voltaire  auch  für  das  der  chinesischen ­
  Regierung.  (Dieu  et  les  hommes,  c.  4.)
2  Siede  de  Louis  XIV,  39.
3  La  theologie  u’a  jamais  servi  qu’ä  renverser  les  cervelles  et  quelquefois
les  Etats.  (L’A,  B,  C;  10 rae  Entretien.)  —  Culte,  necessaire;  vertu,  indispensable; ­
  crainte  de  l’avenir,  utile;  dogme,  impertinent;  dispute  sur  le  dogme,
dangereuse;  persecution,  abominable;  martyr,  fou.  (Pensees,  remarques,
observations.)
4  Jamais  la  nature  humaine  n’est  si  avilie  que  quand  l’ignorance  superstitieuse
  est  arraee  de  pouvoir.  (Essai,  c.  140.)
5  La  religion  enseigne  la  meme  morale  ä  tous  les  peuples  sans  aucune
exception  :  les  ceremonies  asiatiques  sont  bizarres,  les  croyances  absurdes, ­
  mais  les  preceptes  justes  .  .  il  n’est  pas  possible  qu’il  y  ait
jamais  une  societe  religieuse  instituee  pour  inviter  au  crime.  (Essai,
c.  197.)  —  Die  Moral  aller  Religionen  ist  vortrefflich,  nur  ihre  Metaphysik ­
  absurd  und  ihr  Ceremonienwesen  lächerlich.  (Dieu  et  les  hommes,
c.  9.)  —  Toutes  les  sectes  sont  differentes  parce  qu’elles  viennent
des  hommes;  la  morale  est  partout  la  meine  parce  qu’elle  vient  de
Dieu.  (Art.  Theisme.)  —  On  a  dit  souvent  que  la  morale  qui  vient  de
Dieu  reunit  tous  les  esprits,  et  que  le  dogme  qui  vient  des  hommes  les
divise.  (Instruction  pour  le  prince  royale  de  .  .  .,  c.  3,  1752  oder  1767.)
—  Vgl.  Art.  Dogmes.
            
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