66
Mayr.
Jedoch ist nicht jedes Unglück eine Folge der eigenen Schlechtigkeit.
Die Menschen sind den Naturkräften und der Bosheit
ihrer Mitmenschen preisgegeben. Wie in Allem, so zeigt sich
auch hierin die Welt als Gemische von Gut und Schlecht, als
das aus unvollkommenen Bestandtheilen zusammengesetzte Werk
des relativ höchsten Wesens. Das Princip der Vergeltung ist
vorhanden, aber es wird durchkreuzt und paralysirt, wie 'das
Sittengesetz von den schlimmen Neigungen, die Vernunft von
den willkürlichen Absurditäten überwuchert wird.
Kann nach dem Angeführten noch die Rede sein von
einer Freiheit des Willen? Nein, oder nur in einem sehr eingeschränkten
Sinne. ,Wahrhaft frei sein, heisst können. Wenn
ich thun kann, was ich will, so besteht darin meine Freiheit;
aber ich will nothwendig, was ich will; sonst würde ich ohne
Grund, ohne Ursache wollen, was unmöglich ist . . . Meine
Freiheit besteht darin, eine schlechte Handlung nicht zu begehen,
wenn mein Geist sich dieselbe als nothwendig schlecht
vorstellt; eine Leidenschaft zu unterdrücken, wenn ich ihre
Gefährlichkeit erkenne und der Schauder vor einer solchen
Handlung mein Verlangen kräftig niederkämpft . . Es ist
wunderlich, dass die Menschen mit diesem Maasse von Freiheit
nicht zufrieden sind, d. h. mit dem Vermögen, das ihnen
die Natur verliehen hat, in einigen Fällen zu machen, was sie
wollen' 1 . . . Jedes Wesen ist eben an die Schranken seiner
Natur gebunden, selbst Gott. Nur sind dem Menschen keine
so engen Schranken gezogen, wie dem Himmelskörper oder
dem Thiere. 2 Zu den Gesetzen seiner Natur zählt auch das
Sittengesetz, zu seinen Fähigkeiten die Vernunft.
Eben deshalb dürfen sich die Menschen wegen des moralischen
Uebels nicht auf Gott ausreden. Sie machen einen
1 Pliilosophe ignorant, 13. — De la mort de Louis XV (1774). — Art.
Destin; Liberte. — Vgl. Strauss, Voltaire (G. W. XI, 170—172). —
Traite de Metaphysique (1734), 7. Cap. — Sur l’homme. (Poüme.) Brief
an den Prinzen Friedrich vom Oct. 1737 nebst einigen weiteren über den
Gegenstand gewechselten Briefen. (A M. Du Deffaud, 24. Mai 1764.)
2 Chaeun obeit k son instinct . . Ainsi personne change son caractEre.
Tout suit les lois eternelles de la nature. Nous avons perfeetionne la
societe; oui, mais nous y Etions destinEs, et il a fallu la combinaison de
tous les Evenements pour qu’un maitre k danser monträt k faire la revErence.
(PensEes, remarques et observations.)