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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

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Mayr.

Jedoch  ist  nicht  jedes  Unglück  eine  Folge  der  eigenen  Schlechtigkeit. ­
  Die  Menschen  sind  den  Naturkräften  und  der  Bosheit
ihrer  Mitmenschen  preisgegeben.  Wie  in  Allem,  so  zeigt  sich
auch  hierin  die  Welt  als  Gemische  von  Gut  und  Schlecht,  als
das  aus  unvollkommenen  Bestandtheilen  zusammengesetzte  Werk
des  relativ  höchsten  Wesens.  Das  Princip  der  Vergeltung  ist
vorhanden,  aber  es  wird  durchkreuzt  und  paralysirt,  wie  'das
Sittengesetz  von  den  schlimmen  Neigungen,  die  Vernunft  von
den  willkürlichen  Absurditäten  überwuchert  wird.
Kann  nach  dem  Angeführten  noch  die  Rede  sein  von
einer  Freiheit  des  Willen?  Nein,  oder  nur  in  einem  sehr  eingeschränkten ­
  Sinne.  ,Wahrhaft  frei  sein,  heisst  können.  Wenn
ich  thun  kann,  was  ich  will,  so  besteht  darin  meine  Freiheit;
aber  ich  will  nothwendig,  was  ich  will;  sonst  würde  ich  ohne
Grund,  ohne  Ursache  wollen,  was  unmöglich  ist  .  .  .  Meine
Freiheit  besteht  darin,  eine  schlechte  Handlung  nicht  zu  begehen, ­
  wenn  mein  Geist  sich  dieselbe  als  nothwendig  schlecht
vorstellt;  eine  Leidenschaft  zu  unterdrücken,  wenn  ich  ihre
Gefährlichkeit  erkenne  und  der  Schauder  vor  einer  solchen
Handlung  mein  Verlangen  kräftig  niederkämpft  .  .  Es  ist
wunderlich,  dass  die  Menschen  mit  diesem  Maasse  von  Freiheit ­
  nicht  zufrieden  sind,  d.  h.  mit  dem  Vermögen,  das  ihnen
die  Natur  verliehen  hat,  in  einigen  Fällen  zu  machen,  was  sie
wollen' 1  .  .  .  Jedes  Wesen  ist  eben  an  die  Schranken  seiner
Natur  gebunden,  selbst  Gott.  Nur  sind  dem  Menschen  keine
so  engen  Schranken  gezogen,  wie  dem  Himmelskörper  oder
dem  Thiere. 2  Zu  den  Gesetzen  seiner  Natur  zählt  auch  das
Sittengesetz,  zu  seinen  Fähigkeiten  die  Vernunft.
Eben  deshalb  dürfen  sich  die  Menschen  wegen  des  moralischen ­
  Uebels  nicht  auf  Gott  ausreden.  Sie  machen  einen
1  Pliilosophe  ignorant,  13.  —  De  la  mort  de  Louis  XV  (1774).  —  Art.
Destin;  Liberte.  —  Vgl.  Strauss,  Voltaire  (G.  W.  XI,  170—172).  —
Traite  de  Metaphysique  (1734),  7.  Cap.  —  Sur  l’homme.  (Poüme.)  Brief
an  den  Prinzen  Friedrich  vom  Oct.  1737  nebst  einigen  weiteren  über  den
Gegenstand  gewechselten  Briefen.  (A  M.  Du  Deffaud,  24.  Mai  1764.)
2  Chaeun  obeit  k  son  instinct  .  .  Ainsi  personne  change  son  caractEre.
Tout  suit  les  lois  eternelles  de  la  nature.  Nous  avons  perfeetionne  la
societe;  oui,  mais  nous  y  Etions  destinEs,  et  il  a  fallu  la  combinaison  de
tous  les  Evenements  pour  qu’un  maitre  k  danser  monträt  k  faire  la  revErence.
  (PensEes,  remarques  et  observations.)
            
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