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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Heinrich  v.  Vehleke  u.  d.  Genesis  der  romantischen  u.  heroischen  Epik  nm  1190.  t)69

Form  zu  entkleiden  und  für  die  ritterlichen  Kreise,  speciell
wahrscheinlich  für  den  Herzogshof  —  denn  die  Ritter  dichteten ­
  ja  wacker  in  der  Nibelnngenstrophe  —  in  höfische  Kurzzeilen ­
  umzugiessen.
So  entstanden  Epen  volksthümlichen  Inhaltes  in
höfischer  Form.
Zuerst  begnügte  man  sich,  den  Inhalt  überlieferter  Lieder
wohl  oder  übel  in  die  Kurzzeile  zu  zwängen  (Klage);  bald
aber  wagte  man  es,  den  Stoff  freier  zu  behandeln,  den  Recken
Thaten  der  Courtoisie,  deren  Erfindung  bei  aller  Treue  gegen
die  Ueberlieferung  zulässig  gefunden  wurde,  anzudichten:  das
Volksepos  lieferte  in  Namen  und  Formeln  nur  das  Skelet  des
Gedichtes  (Biterolf);  späterhin  suchten,  nachdem  die  Ritter
schon  bis  zur  Sammlung  der  epischen  Lieder  vorgeschritten
waren,  die  Spielleute  sich  selbst  auch  in  der  neuen  höfischen
Form  zu  üben  und  trugen  so  das  kurzzeilige  Epos  in  die
niederen  Kreise  (Laurin).
Diese  Bewegung  aber  begann  unmittelbar  nach  der
Heimkehr  vom  Kreuzzuge.  Ich  habe  bewiesen  (ZfdA.  19,183  f.),
dass  der  Biterolf  am  Wiener  Hofe  zwischen  1195  und,  wohl
noch  zu  Lebzeiten  Friedrichs  I.,  denn  Leopold  VI.  zeigte  sich,
wie  bekannt,  zu  Anfang  seiner  Regierung,  wohl  durch  den  zu
kostspieligen  Ilofhalt  seines  eben  verstorbenen  Bruders  irritirt,
den  Dichtern  und  Sängern  nicht  allzu  gevrogen,  also  vor  1198
vollendet  wurde.  Gegen  Wilhelm  Grimms  Vermuthung,  dass
Klage  und  Biterolf  von  einem  Verfasser  seien,  hat  wohl  Jänicke
schon  entschieden  genug  polemisirt  (DHB.  1,  8  f.);  aber  es
lässt  sich  auch  zeigen,  dass  die  Klage  beträchtlich  älter  sein
muss  als  der  Biterolf,  wenn  sie  doch,  und  dafür  spricht  wieder
vielfache  Uebereinstimmung  im  Einzelnen,  genau  derselben
Landschaft  angehören.
In  Biterolf  erscheinen  zahlreiche  Ausdrücke,  die  in  den
Nibelungenliedern  vermieden  oder  selten  sind:  wigant  (überaus
häufig,  Nib.  nur  942,  4),  gotes  degen,  degenliclie,  degenlieit,
getelinc  (häufig),  ernenden  877,  genende  12955;  urliuge  3409.
4739;  icic  3924,  sahs  12269;  die  ganze  Reihe  oben  (S.  652)
angeführter  Wörter:  vermezzen,  vermezzenliche,  vrevel,  vrevelliche,
  vri  (häufig),  vruot;  baltlichen  13004.  Wörter  auf  -sam:
genozsam  313.  lobesam  2164.  genuhtsam  5607.  13336;  hierin
            
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