Heinrich v. Veldeke u. d. Genesis der romantischen n. heroischen Epik um 1190. 663
konnte da für den Vasallen unbedingt massgebend sein. Einen
solchen Wechsel nun hat Hartmann auch erfahren; bitter
beklagt er den Tod des Herrn; dass er den Nachkommen ein
treuer Vasall blieb, bezeugt, dass er viel später die Dichtung
abfasste, die das Haus der Auer verherrlicht: aber bei seinem
ersten Kreuzzuge war der Herr schon todt: gerade in dem
Liede dem kriuze zimt etc. trauert er um den Herrn. Damit
ist der äussere Umstand weggefallen, der mir eine zweimalige
Kreuzfahrt Hartmanns motiviren würde — denn dass sich beide
Kreuzlieder auf die zweite Reise beziehen könnten, wird wohl
Niemand behaupten wollen — und die Frage bleibt offen.
Eine zweite Frage ist die um das Alter des Gregorius.
Man hat die Epen Hartmanns nach seinem Sprachgebrauche
in zwei Gruppen geschieden: Erec und Gregorius — Heinrich
und Iwein. Die hiezu angewandte Methode, die Reinheit der
Sprache und des Reimes zu prüfen und nach fortschreitender
Kunstfertigkeit anzuordnen, ist sicherlich richtig, aber sie bedarf
zweier Cautelen: erstens darf sie sich nicht in Subtilitäten
verlieren, denn grosse Percentzahlen mögen sicher sein; wenn
aber bei ausserordentlicher Sorgfalt die Zahl der Verstösse
eine äusserst geringe ist, lässt sich nach solchen Bruchzahlen
eine Anordnung in chronologischer Folge nicht geben, denn
da kann der Zufall seine Hand im Spiele haben. Solch’ eine
Subtilität aber ist die Scheidung des armen Heinrich vom
Iwein: wir müssen einfach unser Unvermögen eingestehen, ein
genaueres Resultat zu erzielen, als das, dass beide Gedichte
derselben Periode der litterarischen Thätigkeit Hartmanns angehören,
das heisst ungefähr gleichzeitig scheinen. Da wir
überdies wissen, dass der Iwein um 1202 entstanden ist, sind
wir zu alledem hinlänglich unterrichtet. Naumanns Beweis
S. 42 f. ist unzulänglich; betreffs des Stiles haben er und
Andere vor ihm vergessen, dass der Iwein eine Uebersetzung
ist, der arme Heinrich eine freie Dichtung nicht ganz ohne
populären Anstrich. Müsste ich demnach nach dem Stile allein
urtheilen, so würde ich den armen Heinrich für jünger halten
als den Iwein. Was aber den Gregorius betrifft, ist die
zweite Voraussetzung jener Methode in Erwägung zu ziehen:
eine derartige genaue Stilprüfung hat ununterbrochene Kunstübung
zur Voraussetzung. Ist es nicht nachweisbar, dass der