Heinrich v. Veldeke u. d. Genesis der romantischen u. heroischen Epik um 1190. 659
mangel er dolte.
im geschach als in der molte
dem körne, daz ertoetet wird
durch den künftigen wuocher den iz hirt.
sondern er stellt geradezu einzig da mit einem ausfülirlicli
entwickelten Bilde, einem homerischen Gleichnisse, das seines
gleichen in der gesammten mittelhochdeutschen Litteratur nicht
hat. Es war ausführlich die Rede von Irrlehren, die zu Servatius’
Zeit den Glaubenskämpfern ihre liebe Noth gemacht,
Arrius der widerwarte, Manicheus der half im harte u. s. w.
(611—644); dann fährt der Dichter fort:
645 über den glouben gie ein tuft,
sam so den heiteren luft
der trüebe nebel irret
unt als den sterren wirret
diu wölken diu vor swebent
duz si uns des liehtes niht engebent,
unt als diu verrinnent
die Sterne aber brinnent,
die daz gehilwe e undersneit.
also schein in der kristenheit
manec liebte lucerne.
Ein treffendes Bild, im Detail ganz reizend ausgeführt und
bis zur Gestalt einer kleinen, vom Flusse der eigentlichen
Fabel selbständig sich abzweigenden Erzählung erhoben —
die eigentliche Form des homerischen Gleichnisses.
Und diese Dichtung ist entstanden, dieser Mann hat gedichtet,
ohne Veldekes Werke, ja vermuthlich, da er sonst
kaum auf denselben Stoff verfallen wäre, ohne Veldekes Namen
zu kennen. Es geht absolut nicht an, das Gedicht mit seinem
alterthümlichen Wortschätze tiefer zu setzen als in die Achtziger
Jahre des XII. Jahrhunderts, und selbst das ist nur
möglich unter der Voraussetzung, dass der Verfasser eben ein
sehr alter Manu war, dessen Jugendwerke wir nicht kennen
— denn der Servatius ist kein Versuch eines Erstlings —
und der sich vom Brauche und der einmal angeeigneten Redeweise
seiner Jugend nicht mehr zu emancipiren vermochte.
Der, wenn wir, wie erörtert, von einer Eigenthümlichkeit, die
jedoch bewusste Handhabung ist, absehen, völlig reine Reim
Sitzungsber. d. phil.-hist. CI. XCV. ßd. III. Hft. 43