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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

V

658  Muth.
Nicht  nur  die  üblichen  allitterireuden  Formeln  trifft  man
bei  ihm,  als  Hute  unde  lant,  witewen  unde  weisen,  die  noch
heute  gäng  und  gäbe  sind,  oder  das  in  geistlichen  Gedichten
auch  sonst  belegte  zitern  und  zanklaffen  2446,  got  der  guote
oder  das  heroische  wunden  wite-,  kleine  Veränderungen  zeigen,
dass  er  den  Gleichklang  sucht:  wiiefen  unde  weinen  943  statt
des  üblicheren  durch  die  ganze  mittelhochdeutsche  Dichtung
gehenden  weinen  unde  Magen,  ebenso  ir  Mage  und  ir  kam  245;
mit  ganz  moderner  Emphase  sagt  er:  ezn  was  nochn  wart
880;  herze  unde  liouhet  2602,  ein  gehet  lüter  unde  lanc  1150,
stole  unde  stap  2534;  2449  muoter  unde  mägen  ist  sogar  etwas
manirirt;  er  hebt  sich  aber  bis  zur  Onomatopöe:  phnehen  unde
phnurren  168;  auch  eine  Bildung  wie  wdcgewitere  gehört  hieher.
Recht  auffallend  ist  die  Anwendung  des  Vergleiches  und
Gleichnisses.  Der  Dichter  ist  sehr  sparsam  mit  Bildern  und
Vergleichen;  nicht  einmal  die  formelhaft  gewordenen,  selbst
dem  trockenen  Veldeke  geläufigen  Bilder  bei  Farbenschilderung
begegnen  uns,  nur  einmal  grd  als  ein  tübe  2622;  fast  als  Manier ­
  muss  man  es  betrachten,  dass  der  sonst  so  Enthaltsame
beim  Verbum  brinnen  stets  ein  Bild  anwendet:  als  ein  rose  290,
als  ein  gluot  605,  ausführend  als  ein  isen,  daz  glüet  2237  vgl.
3509.  Es  ist  schwer  zu  sagen,  warum  sich  der  Dichter  solche
Zurückhaltung  auferlegt;  dass  es  bei  ihm  nicht  Aermlichkeit
des  Stiles  ist,  werden  wir  sofort  sehen;  er  muss  die  heiteren
Vergleiche  der  Würde  des  Gegenstandes  nicht  angemessen  befunden ­
  haben,  wie  uns  überhaupt  aus  diesem  Gedichte  ein  fast
Wolframischer  Ernst  entgegentritt  —  wohl  neben  der  wenig
romantischen  Beschaffenheit  des  Stoffes  der  Grund,  weshalb  es
zu  allen  Zeiten  wenig  Leser  fand.  Das  höchst  Bemerkenswerthe
ist  nämlich  an  diesem  Manne,  dass  er,  der  weniger  Bilder
und  Vergleiche  einflicht  und  anbringt  als  irgend  ein  Legendendichter, ­
  der  einzige  Dichter  seiner  Zeit  ist,  der  das  richtige
Verständniss  für  das  Wesen  des  Gleichnisses  hat.  Er  hebt
nicht  nur  das  tertium  comparationis  streng  hervor  —  das  ist
auch  bei  Wolfram  und  in  den  Nibelungen  der  Fall  —
843  daz  himelkint  reine
ledic  aller  meine
wonet  in  der  cellen  enge,
mit  michelre  strenge
            
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