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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

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M  a  y  r.

aufzutischen. 1  Allein,  er  lässt  es  hei  dem  guten  Willen  bewenden. ­
  Des  Urtheils  entschlägt  el 1  sich  meistens  nur  dann,
wenn  er  zwischen  zwei  feindlichen  Richtungen,  die  er  für  gleich
absurd  oder  verwerflich  hält,  entscheiden  soll. 2  Sonst  aber  ist
er  keineswegs  enthaltsam.  Was  er  für  edel  oder  gemein,  für
gut  oder  schlecht,  heilsam  oder  verderblich,  weise  oder  unsinnig ­
  erachtet,  das  gibt  er  auf  das  unzweideutigste  kund.  In
richtiger  Selbsterkenntniss  gesteht  er,  in  seinem  Essai  nur  die
Absicht  verfolgt  zu  haben,  dass  der  Tugend  und  dem  Laster
ihr  Recht  werde. 3
Die  natürlichen  Regungen  an  sich  hält  er  für  moralisch
indifferent,  aber  social  bedeutsam.  Er  leugnet  dabei  nicht,
dass  sie  in  jeder  Beziehung  verderblich  werden  können.  Von
den  physischen  Principien  des  ,Hungers  und  der  Liebe'  war
schon  die  Rede.  Unter  den  Antrieben  moralischer  Natur  ist
die  Selbstliebe  der  wichtigste. 4  Die  Selbstliebe  dient  dem  Individuum ­
  zur  Selbsterhaltung.  Sie  ist  ihm  und  mittelbar  der
Gesellschaft  von  Nutzen,  woferne  sie  gezügelt  wird.  Desgleichen
haben  die  Begierden,  sowie  die  aus  ihrer  Befriedigung  erwachsende ­
  Lust  nichts  Verwerfliches  an  sich.  Gleichwie  Sorge
und  Schmerz,  wenn  sie  ein  gewisses  Maass  nicht  überschreiten,
das  Leben  nicht  verbittern,  sondern  anregen,  so  dienen  auch
1  Notre  objet  est  de  peindre  les  hommes  plutot  que  de  les  juger.  (Essai,
e.  8.)  —  Je  voudrais  decouvrir  quelle  etait  alors  la  societe  des  hommes
plutot  que  de  repeter  .  .  les  lieux  communs  de  la  mechancete  liumaine.
(Ibid.  c.  81.)  Vgl.  p.  31.
2  Quel  insense  voudrait  que  j’eusse  fait  le  controversiste  au  lieu  d’ecrire
eil  historien.  Je  me  suis  borne  aux  faits.  (Annales  de  l’Empire.  Brief  an
die  Herzogin  von  Gotha.)
3  A  Albergati-Caparelli,  23.  Dec.  1760.  —  Ueber  die  zweite  Auflage  seiner
Ilistoire  generale  im  Verhältniss  zur  ersten  schreibt  er:  ,On  n’avait  donne
que  quelques  soufflets  au  genre  humain  dans  ces  arehives  de  nos  sottises;
  nous  y  ajouterons  forts  coups  de  pied  dans  le  derriere.  (A  Vernes,
25.  Aug.  1761.)
4  La  faim  et  l’amour,  principe  physique  pour  tous  les  animaux:  amourpropre
  et  bienveillance,  principe  moral  pour  les  hommes.  Les  premieres
roues  font  mouvoir  toutes  les  autres  et  toute  la  macliine  du  monde  est
gouvernee  par  eile.  (Pensees,  remarques  et  observations  de  Voltaire.)  —
Art.  Amour  -  propre.  —  II  me  parait  que  tout  ce  qui  nous  fait  plaisir
sans  faire  tort  k  personne  est  tres-bon  et  tres-juste.  (Entretien  d’un  sauvage, ­
  1761,  I.)
            
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