Heinrich v. Veldeke u. d. Genesis der romantischen u. heroischen Epik nm 1190. 655
rirt, wie wir aus der kümmerlichen Ueberlieferung schliessen
dürfen, kaum mehr abgeschrieben werden; je näher sie der
Zeit nach den Classikern standen, um so entschiedener ist die
hochmüthige Verachtung der Vorgänger: Flore, Tristan, der
Graf Rudolf (Crane) werden neu behandelt, die früheren Versuche
nicht einmal der Erwähnung werth gefunden — die
Classiker des vorigen Jahrhunderts haben über die Stürmer
und Dränger milder geurtheilt als diese Hofpoeten über die
manchen unter ihnen an geistiger Gewalt und allen wahren
Gaben des Dichters geradezu überlegenen Vorfahren aus dem
dritten Viertel des XII. Jahrhunderts.
Und dennoch haben diese in der Folge so schmählich
ignorirten Dichtungen den grössten Einfluss geübt und wäre
die classische Romantik ohne sie gar nicht denkbar. Denn,
wenn wir gezeigt haben, dass Heinrich von Veldeke als der
Begründer der romantischen Epik nicht gefeiert werden darf,
wenn aber 1192 der Erec vollendet war und noch in den
ersten Neunziger Jahren die geistige Bewegung, die den Weg
vom Niederrhein über Thüringen nach Schwaben und dann
erst gegen Osten eingeschlagen hat, in das Donauthal nach
Oesterreich vorgedrungen ist, müssen es eben jene älteren Dichter
sein, die als Träger der Richtung die eigentliche Anregung
gaben, indem sie zuerst den Oberdeutschen die Kenntniss der
französischen Epik vermittelten.
In der That sehen w T ir fast gleichzeitig oder vielmehr,
der Wortschatz deutet darauf hin, noch vor Veldeke’s Eneit in
Oberdeutschland eine Epik entwickelt, die bereits die höchste
Stufe der Vollendung erreicht hat. Merkwürdigerweise behandelt
das Gedicht eines unbekannten Mannes, das wir hier im Auge
haben, denselben Stoff, dem auch Veldeke in der Jugend oder
wenigstens als Anfänger sich zugewandt hatte, das Leben des
heiligen Servatius, sogar nach derselben Quelle, aber ohne jede
Kenntniss des niederdeutschen Gedichtes. Mit Recht hat nun
der Herausgeber dieses Gedichtes, Moriz Haupt (ZfdAlt.
5, 75—192) geschwankt, ob dies Gedicht nach der Reinheit
seiner Reime in die Achtziger oder nach der Alterthümlichkeit
der Sprache in die Siebziger Jahre des XII. Jahrhunderts gesetzt
werden solle. Auch wir werden eine Entscheidung nicht
treffen. Das Gedicht ist durchaus eigenthümlich und hat —