Voltaire-Studien.
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Dinge versöhnen können. Eine Apologie der Selbstliebe und der
Leidenschaften, wie sie das achte Capitel des Traite de metaphysique
enthält; eine Verherrlichung der Sinnenlust und des rafft-'
nirten Genusses, wie im Mondain, hätte er später nicht wieder geschrieben,
obgleich er weder die Selbstliebe, noch die Begierden,
noch die Freuden des Daseins als solche jemals missbilligte. Zur
Fahne der Asketen hat er niemals geschworen. 1 In den eben
erwähnten Schriften seines Jugend- und Mannesalters (vor 1750)
legt er vornehmlich auf den Gedanken Nachdruck, dass Wohlwollen,
Mitleid, Sympathie von geringerem socialem oder historischem
Werthe seien, als die von den Moralisten geschmähten
Laster und Leidenschaften der Menschen, wie Selbstsucht, IIoclimutli,
Herrschbegier u. s. f. Diese Erörterungen deuten auf
den Einfluss Mandeville’s. Jedoch gedenkt Voltaire seiner mit
keinem Worte.
Vielleicht lagen die Ideen in der Luft, wie man sich ausdrückt.
Vielleicht inspirirte sie ihm der Widerspruch gegen die
weltflüchtige Tendenz Pascal’s und anderer christlicher Sittenlehrer.
Sicher ist, dass Voltaire in seinen späteren Jahren die
Uebertreibung derselben durch Helvetius und die Materialisten
perhorrescirte. Auf diese späteren Jahre aber kommt cs bei
Voltaire an. Nahezu alle seine historischen und philosophischen
Schriften stammen aus denselben: der Dichter und Naturkundige
von ehemals war Denker und Geschichtsphilosoph
geworden.
Voltaire verkündet oft und mit grossem Nachdrucke seine
Absicht, die Menschen lieber schildern, als richten zu wollen.
Er lehnt es ab, die Gemeinplätze moralischer Art immer wieder
1 Oft nimmt er sieli der natürlichen Neigungen gegen ihre Verleumder an.
,Les m'alheureux harangueura parlent sans cesse contre l’amour qui est
la aeule consolation du genre humain.“ (Art. Guerre). Desgleichen ist er
ein Feind der Quietisten. (Siede de Louis XXV, 38.) Voltaire hätte
kein Franzose sein müssen, wenn ihm nicht Leichtsinn, Lebensfreudigkeit,
Fröhlichkeit, Geselligkeit über Alles gegangen wären. ,Tout ce que
je crains c’est qu’un esprit de presbyterianisme ne s’empare de la tete
des Franifais et alors la nation est perdue. Dou/.e parlements jansenistes
sont capables de faire des Franfais un peuple d’atrabiliaires. II n’y a
plus de gaiete qua l’Opdra Comique. Tous les livres ecrits depuis
quelque temps respirent je ne sais quoi de sombre et de pedantesque.“
(A Damilaville, 30. Jänner 1764.)