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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

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Huyr.

fassung,  dass  die  Geschichte  das  Reich  der  sinnvollen,  geistig
belebten  Veränderung  und  Fortschreitung  sei;  dass  es  gelte,
den  Spuren  des  Geistes  nachzugehen  und  sich  über  den  jeweilig
erreichten  Höhegrad  ein  Urtheil  zu  bilden.
Voltaire,  der  Erfahrungs-  und  Geschichtsphilosoph,  liebt
nicht,  den  Menschen  als  isolirtes  Wesen  zu  betrachten.  So  oft
er  auf  ihn  zu  sprechen  kommt,  denkt  er  sich  ihn  als  Mensch
unter  Menschen,  als  ,bete  sociale'.  In  der  gesammten  Thierwelt, ­
  lehrt  er,  manifestirt  sich  die  Unveränderlichkeit  der  Instincte.
  Der  Vogel  baut  sein  Nest,  wie  die  Gestirne  ihre  Bahn
einhalten.  Wäre  der  Mensch  zu  einem  solitären  Leben  bestimmt
gewesen,  wäre  er  dann  wohl,  dem  Naturgesetze  zuwider,  ein
geselliges  Wesen  geworden?  Der  Mensch  muss  von  Anbeginn
kraft  Naturgebotes,  nicht  infolge  naturwidriger  Entwicklung  in
Heerden  gelebt  haben.  Freilich  hat  er  nicht  immer  ,schöne
Städte,  Vierundzwanzigpfünder,  komische  Opern  und  Nonnenklöster ­
  gehabt;  aber  von  jeher  hat  ihn  der  Instinct  beseelt,
sich  in  seiner  eigenen  Person,  in  der  Gefährtin  seiner  Lust,
in  seinen  Kindern,  seinen  Enkeln,  den  Werken  seiner  Hand
zu  lieben'. 1  Weil  der  Grund  zur  Gesellschaft  stets  vorhanden
war,  so  hat  es  auch  stets  eine  gegeben.  So  roh  wir  uns  den
Menschen  auch  denken  mögen,  wie  die  Dachse  oder  Hasen
hat  er  nie  gelebt.
Den  stärksten  Antrieb  zur  Geselligkeit  bildet  die  sexuelle
Begierde.  Auf  ihr  und  dem  instinctiven  Wohlwollen  für  die
Gattung  ruht  die  älteste,  einfachste  Grundform  der  Gesellschaft:
die  Familie.' 2  ,Jedes  Thier  wird  durch  einen  unbezwinglichen
Instinct  zu  allem  getrieben,  was  seiner  Erhaltung  dienen  kann;
es  gibt  aber  Momente,  in  denen  es  durch  einen  fast  ebenso
starken  Instinct  zur  Paarung  und  Fortpflanzung  angetrieben
wird,  ohne  dass  wir  jemals  sagen  könnten,  wie  dies  alles  vor
sich  geht.' 3  Wie  bei  anderen  Thieren,  so  erstreckt  sich  auch
1  Phil,  de  l’hist.,  7.
2  Art.  Amour.  —  L’homme  n’est  pas  comme  les  autres  animaux,  qui  n’ont,
que  l’instinct  de  l’amour-propre  et  celui  de  raccouplement;  non  seulement
  il  a  cet  amour-propre  necessaire  pour  sa  Conservation,  mais  il  a
aussi,  pour  son  espfece,  une  bienveillance  naturelle.  (Traite  de  Metaphysique,
  8.)
3  Phil,  de  l’hist.,  7.
            
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