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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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allmälig  im  Laufe  der  Zeit  seine  Vorstellungen  über  Gott,  Seele
und  Welt. 1  Jedoch  wird  der  Mensch,  wenn  er  die  untersten
Stufen  überschritten  hat,  in  eine  schon  vorhandene  Welt  von
Ideen  und  Meinungen  hineingeboren.  Wie  diese  überhaupt  die
Welt  regieren,  so  bemächtigen  sie  sich  des  Einzelnen  und  lassen
ihm  nur  einen  geringen  Spielraum.-  Die  Freiheit  gewinnt  der
Mensch  nur  durch  die  höchste  Entwicklung  seiner  intellectuellen
  Anlagen.  Irrthum  und  Wahn  machen  den  Menschen  unglücklich ­
  und  böse;  nur  die  Aufklärug  der  Vernunft  vermag
ihn  gut  und  glücklich  zu  machen. 3
Jedenfalls  gestaltete  sich,  wie  man  daraus  vorläufig  ersehen
kann,  auf  dem  Locke-Voltaire’schen  Standpunkte  die  Geschichte
weit  interessanter,  als  auf  dem  Bossuet’schen  oder  Cartesianischen.
  Von  dem  Principe  der  Wunder-,  Eingriffs-  und  Auserwählungstheorie ­
  ganz  abzusohen,  so  hemmte  das  geschichtswidrige ­
  System  der  cingebornen  Ideen,  weil  es  aus  historischer
Ignoranz  stammte,  das  Verständniss  der  Geschichte.  Aus  dem
Locke’schen  Princip  ergab  sich  dagegen  die  fruchtbare  Auf-1
  Vornehmlich  Phil,  de  l’liist.,  c.  4  —  6.  Tout  a  sa  source  daus  Ia  uature
de  l’esprit  humain.  (Ibid.  48.)
2  Ueber  die  Macht  der  ,opinion‘  vgl.  die  Remarques  de  l’Essai  (1703).
L’opinion,  cette  reine  inconstante  du  monde.  (Art.  Climat.)  —  Die
Leistungen  des  Menschen  auf  wissenschaftlichem,  überhaupt  geistigem
Gebiete  gelten  ihm  als  die  höchsten.
,Et  le  plus  digne  objet  des  regards  eternels
Le  plus  brillant  spectacle,  est  l’ämo  du  vrai  sage
Instruisant  les  morteis. 1
(Ode  ä  MM.  de  l’Academie  des  Sciences.)  L’opinion  gouverne  le  monde,
mais  ee  sollt  les  sages  qui  ii  la  longue  dirigent  cette  opinion.  (Confonnez
vous  aux  temps,  1764.)
3  La  seule  maniere  d’empccher  les  horames  d’etre  absurdes  et  meeliants,  c’est
de  les  eclairer.  (Remarques,  c.  XV.)  —  Pourquoi  le  plus  superstitieux
est-il  le  plus  mecliant?  (Dialogues  d’Evliemere,  1.)  —  Vgl.  vornehmlich
,Eloge  historique  de  la  raison'  (1774).  —  II  est  ridieule  a  penser
qu’unc  nation  eclairee  ne  soit  pas  plus  heureuse,  qu’uue  uation  ignorante.
(Reflexions  pour  les  sots,  1760.)  —  Les  hommes,  etaut  plus  eclaires,  en
sont  devenus  plus  sages  et  moins  malheureux.  (Cri  des  nations,  1769.)
La  vertu,  quand  eile  est  eclairee,  cliange  en  paradis  l’enfer  de  ce  monde.
(A  M.  le  Chevalier  de  Richelieu,  20.  Sept.  1760.)  —  N’est-ce  donc  rien
d’etre  gueri  des  malheureux  prejuges  qui  mettent  ä  la  chaiue  la  plupart
des  hommes  et  sui'tout  des  femmes?  (A  M.  Du  Deffand,  4.  Juni  1764.)
            
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