Voltaire-Studien.
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allmälig im Laufe der Zeit seine Vorstellungen über Gott, Seele
und Welt. 1 Jedoch wird der Mensch, wenn er die untersten
Stufen überschritten hat, in eine schon vorhandene Welt von
Ideen und Meinungen hineingeboren. Wie diese überhaupt die
Welt regieren, so bemächtigen sie sich des Einzelnen und lassen
ihm nur einen geringen Spielraum.- Die Freiheit gewinnt der
Mensch nur durch die höchste Entwicklung seiner intellectuellen
Anlagen. Irrthum und Wahn machen den Menschen unglücklich
und böse; nur die Aufklärug der Vernunft vermag
ihn gut und glücklich zu machen. 3
Jedenfalls gestaltete sich, wie man daraus vorläufig ersehen
kann, auf dem Locke-Voltaire’schen Standpunkte die Geschichte
weit interessanter, als auf dem Bossuet’schen oder Cartesianischen.
Von dem Principe der Wunder-, Eingriffs- und Auserwählungstheorie
ganz abzusohen, so hemmte das geschichtswidrige
System der cingebornen Ideen, weil es aus historischer
Ignoranz stammte, das Verständniss der Geschichte. Aus dem
Locke’schen Princip ergab sich dagegen die fruchtbare Auf-1
Vornehmlich Phil, de l’liist., c. 4 — 6. Tout a sa source daus Ia uature
de l’esprit humain. (Ibid. 48.)
2 Ueber die Macht der ,opinion‘ vgl. die Remarques de l’Essai (1703).
L’opinion, cette reine inconstante du monde. (Art. Climat.) — Die
Leistungen des Menschen auf wissenschaftlichem, überhaupt geistigem
Gebiete gelten ihm als die höchsten.
,Et le plus digne objet des regards eternels
Le plus brillant spectacle, est l’ämo du vrai sage
Instruisant les morteis. 1
(Ode ä MM. de l’Academie des Sciences.) L’opinion gouverne le monde,
mais ee sollt les sages qui ii la longue dirigent cette opinion. (Confonnez
vous aux temps, 1764.)
3 La seule maniere d’empccher les horames d’etre absurdes et meeliants, c’est
de les eclairer. (Remarques, c. XV.) — Pourquoi le plus superstitieux
est-il le plus mecliant? (Dialogues d’Evliemere, 1.) — Vgl. vornehmlich
,Eloge historique de la raison' (1774). — II est ridieule a penser
qu’unc nation eclairee ne soit pas plus heureuse, qu’uue uation ignorante.
(Reflexions pour les sots, 1760.) — Les hommes, etaut plus eclaires, en
sont devenus plus sages et moins malheureux. (Cri des nations, 1769.)
La vertu, quand eile est eclairee, cliange en paradis l’enfer de ce monde.
(A M. le Chevalier de Richelieu, 20. Sept. 1760.) — N’est-ce donc rien
d’etre gueri des malheureux prejuges qui mettent ä la chaiue la plupart
des hommes et sui'tout des femmes? (A M. Du Deffand, 4. Juni 1764.)