Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

54

May  r.

Doch  sind  die  Menschen  weder  im  Physischen,  noch  Moralischen ­
  vollkommen  gleich.  Es  gibt  auch  Unterschiede.  Die
verschiedenen  Kacen  z.  B.  zeigen  eine  nicht  unerhebliche  Diversität
  der  äusseren  Erscheinung  und  der  geistigen  Begabung. 1
,Gleichwie  Birnbäume,  Tannen,  Eichen  nicht  von  demselben
Baume  abstammen,  so  kommen  auch  die  bärtigen  Weissen,  die
wollhaarigen  Neger,  die  schlichthaarigen  Gelben  nicht  von  dem
nämlichen  Menschen  her. 2  Dieselbe  Vorsehung,  die  den  Elep
  hauten  geschaffen  hat,  hat  auch  in  einer  andern  Welt  Menschen
von  einem  Charakter  entstehen  lassen,  welcher  nicht  der  unserige
ist.' 3  Voltaire  ist  demnach  ein  Anhänger  der  Lehre  von  der
UnVeränderlichkeit  der  Arten,  und  weil  er  die  Menschenracen
für  ,bonas  species'  hält,  so  kann  er  nicht  umhin,  sie  mit  all
ihren  charakteristischen  Merkmalen  direct  aus  der  Hand  des
Schöpfers  hervorgehen  zu  lassen. 4
Wie  hinsichtlich  des  Körperlichen  und  Physischen,  so  ist
auch  hinsichtlich  des  Psychischen  und  Moralischen  die  Natur
des  Menschen  nur  eine;  aber  der  Spielraum  des  Veränderlichen
erweitert  sich.  Was  die  intellectuelle  Seite  des  Menschen  betrifft,
so  legt  Voltaire  auf  sie  einen  grossen  Nachdruck,  wie  es  sich
für  einen  Schüler  Locke’s  ziemt. 5
Es  gibt  keine  angeborenen  Ideen  (im  Sinne  des  Cartesius),
welche  der  Schöpfer  in  den  Menschen  gepflanzt  haben  soll.
Alles  muss  sich  der  Mensch  erwerben.  Er  tritt  in  die  Welt
hinein  und  empfängt  von  ihr  mittels  der  Sinne  diverse  Eindrücke;
daraus  schafft  er  seine  mehr  oder  minder  complicirten  Ideen. 6
Sowie  das  Kind  bildet  sich  auch  der  historische  Mensch  erst

1  Art.  Homrae.  (Diff.  raees.)  —  Essai,  c.  146:  On  peut  reduire,  si  l’on  veut,
sous  uue  seule  espeee  tous  les  hommes,  parce  qu’ils  out  tous  les  meines
Organes  de  la  vie,  des  sens  et  du  mouvement.  Mais  eette  espeee  parut  evidemment
  divisee  en  plusieurs'autres  daus  le  physique  et  dans  le  moral.
2  Traite  de  Metaphysique  (1734),  I.
3  Phil,  de  l’hist.,  8.
4  Si  on  ne  s’etonne  pas  qu’il  y  ait  des  mouches  en  Amerique,  c’est  une
stupidite  de  s’etonner  qu’il  y  ait  des  hommes  .  .  Le  niaitre  de  la  nature
a  peuple  et  varie  le  globe.  (Essai,  c.  146.)  Vgl.  Phil,  de  l’hist.,  S.
5  Tant  de  raisonneurs  ayant  fait  le  roman  de  l’äme,  uu  sage  est  venu,
qui  en  a  fait  modestement  l’histoire.  (Lettres  philosophiqu.es,  13.)
6  Traite  de  Metaphysique,  e.  3.  —  La  nature  etant  par  tont  la  meine,  les  hommes
out  du  adopter  les  meines  verites  et  les  meines  errcurs.  (Phil,  de  l’hist.,  6.)
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.