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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

OÖ

Mitleid,  noch  den  Zorn  Gottes,  dass  dieser  sich  etwa  veranlasst
fühlen  könnte,  die  einmal  festgestellte  Ordnung  zu  alteriren.
Unser  Elend  bleibt  Elend,  woferne  wir  nicht  selbst  die  göttliche
Gabe  der  Vernunft  zu  dessen  Linderung  verwenden.  Nur  dai-in
liegt  Trost;  die  Einsicht,  dass  es  so  sein  müsse,  oder  die  Fiction,
dass  es  so  sein  solle,  gewährt  keinen.
Alles  Wehe  beschränkt  sich  schliesslich  auf  die  empfindenden ­
  Wesen.  Physisches  und  moralisches  Elend  kennt  nur
der  Mensch.  Es  ist  mit  dem  innersten  Kerne  seines  Wesens
unzertrennlich  verknüpft.  Auf  den  Menschen,  den  eigentlichen
Träger  der  Geschichte,  d.  h.  des  vielen,  vielen  Leides  und
des  wenigen  Guten,  das  ihm  zu  Theil  geworden,  müssen  wir
nun  unseren  Blick  wenden.
Der  innerste  Kern  der  Menschennatur  ist  überall  der
nämliche. 1  Wie  könnte  es  auch  in  dieser  gleichförmigen  Welt
anders  sein?  Natura  est  semper  sibi  consona.  Im  sogenannten
Physischen  tritt  dies  aufs  deutlichste  hervor.  Alle  Verrichtungen ­
  der  gleichartigen  Organe,  alle  damit  verbundenen  Gefühle ­
  und  Begierden  sind  überall  gleich.  Demzufolge  sind
auch  die  Grundrichtungen  des  geselligen  Lebens,  soferne  sie
auf  der  Natur  des  Menschen  beruhen,  bei  allem  Wechsel  der
Formen,  ein  und  dieselben.  Das  Gebiet  des  Veränderlichen
zeigt  sich  durchweg  eingeschränkt.  Der  Mensch  ist  seiner  Corporisation
  nach  eines  der  schwächsten,  das  waffenloseste  unter
den  Landsäugethieren.  Die  Männchen  sind  stärker  als  die
Weibchen. 2  Den  Bedürfnissen  des  Körpers  entsprechen  die
primitiven  Verrichtungen,  von  denen  keiner  eximirt  ist  und
in  denen  das  Leben  aller  Menschen,  wenige  ausgenommen,
ohne  Rest  aufgeht.  Ein  Stück  Brod,  eine  Hütte  und  ein  Gewand: ­
  ,Voilä  l’homme  tel  qu’il  est  en  general  d’un  bout  de
l’univers  a  l’autre'. 3  Auf  diesen  unabänderlichen  Bedürfnissen,
auf  der  Arbeit,  sie  zu  gewinnen  und  zu  erhalten,  ruhen  Gesellschaft ­
  und  Geschichte.  ,Le  physique  gouverne  toujours
le  moral/  4

1  Essai,  197;  ibid.  142.
2  Art.  Femme.  —  L’homme  a  beaucoup  de  superiorite  par  celle  du  corps
et  meme  de  l’esprit.
3  Art.  Homme.  —  Art.  Instinct.
4  Art.  Femme.  (Physique  et  morale.)
            
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