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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

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Hora  witz.

dissidium 7  nulli  bono  non  perniciosum.  Et  ita  sancta  quadam
uafritie  tempori  seruiendum  (!)  ac  tarnen  prodatur  thesaurus
Euangelicae  ueritatis,  unde  corrupti  mores  publici  possent
restitui.  —  Fortasse  rogabit  aliquis,  num  alio  sim  animo  in
Lutherum  quam  fuerim  olim.  Imo  eodem  sum  animo,  semper
optaui,  ut  mutatis  quibusdam,  quae  mihi  displicebant,
pure  tractaret  Euangelicam  Philosophiam,  a  quo  nostri  seculi
mores  heu  nimium  degenerarunt.  Semper  correctum  malui,
quam  oppressum.  Optabam  illum  sic  tractare  Christi  negotium,
ut  Ecclesiae  Proceribus  aut  probaretur  aut  certe
non  reprobaretur.  Sic  amari  cupiebam  Lutherum,  ut
p  a  1  a  m  a  c  t  u  t  o  posset  amari.
Diess  ist  doch  ein  klar  ausgesprochenes  Programm!  Erasmus ­
  will  die  Reform  der  Kirche,  aber  i  n  und  mit  der  Kirche;
er  billigt  Luther’s  Ansichten  im  Ganzen  und  Grossen,  nicht
aber  die  Art  seiner  Aeusserungen,  am  wenigsten  will  er  durch
ihn  ins  Gedränge  und  in  Unannehmlichkeiten  gebracht  werden,
er  will  endlich  Luther  in  seinen  eigenen  Fusstapfen  wandeln
sehen;  tadeln  mag  er  so  viel  er  will,  aber  nur  den  Gelehrten
gegenüber,  die  grosse  Masse  soll  nichts  davon  erfahren,  mag
er  noch  so  scharf  die  Gebrechen  der  Kirche  geissein,  es  soll
diess  doch  so  vorsichtig,  so  fein  und  so  allgemein  gehalten
sein,  dass  es  die  Kirchenfürsten  nicht  erbittert,  am  allerwenigsten ­
  aber  dürfe  es  zu  dem  verhassten  und  höchst  gefährlichen
,dissidium‘  führen,  das  des  Erasmus  gewohnte  Lebenskreise
perturbire.  Erasmus  forderte  damit  freilich  von  Luther’s  kraftstrotzender ­
  rücksichtsloser  Natur  etwas  dieser  Unmögliches.
Wenn  er  aber  solche  Briefe  schrieb,  wie  den  vorliegenden
hochwichtigen  an  Jonas,  hatte  er  ein  schwieriges  Stück  Arbeit
zu  leisten.  Wie  leicht  konnte  doch  der  Brief,  aufgefangen  und
edirt  werden!  Es  durfte  sich  dann  nichts  darin  finden  lassen,
das  die  eifernden  Gegner  gegen  ihn  verwenden  könnten,  Luther’s ­
  Werk  durfte  nie  eine  Billigung  erfahren,  Erasmus  sich
gegen  diesen  stets  möglichst  kühl  und  ablehnend  verhalten.
Andererseits  ging  der  Brief  aber  an  Geistesverwandte  Luther’s,
an  gelehrte  Freunde,  die  mehr  oder  minder  im  Gedankenkreise ­
  des  Reformators  standen;  es  durfte  nicht  an  einigen
freundlichen  —  freilich  sorgfältig  verclausulirten  Worten  fehlen.
—  Wie  stets  hat  auch  hier  Erasmus  ein  Meisterwerk  geliefert,
            
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