Voltaire-Studien.
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Gedichten — zumal im Candide und im Poeme sur le desastre
de Lisbonne 1 — gibt er in uneingeschränktestem Maasse die
Thatsache des Uebels zu; er macht auch keinen ernsthaften
Versuch, durch ätiologische oder teleologische Wendungen uns
mit derselben zu versöhnen. Seine Schilderungen des physischen,
intellectuellen und moralischen Elendes der Menschen
stehen an Drastik hinter denen Schopenhauers kaum zurück,
der Voltaire auch mit Vorliebe citirt. Durch die ganze Natur
hin, sagt Voltaire, walten Kampf und Schmerz. Ein unwiderstehlicher
Hang treibt Thier gegen Thier, und eines lebt vom
Morde des anderen. Mensch und Vieh leiden fast ohne Unterlass,
ja jenem ist gerade seine höhere Entwicklung eine Quelle
vermehrten Leides. 2 Wie zeigt uns erst die Geschichte so
recht das Elend des menschlichen Daseins! Man werfe nur
einen Blick auf die Schicksale der Gesellschaft etwa von den
Proscriptionen Sullas bis zu den irländischen Massenmorden!
,Un esprit justc‘, sagt er, ,en lisant l’histoire n’est presque
occupe qu’a la refuter/ Er nennt die Geschichte ,un tableau
de cruautes et de malheurs des hommes, une suite presque
continue des crimes et des desastres'. 3 Er spricht von der
,bizzarerie des eyenements', von der Herrschaft des Widerspruches,
des Unwahrscheinlichen, des Unberechenbaren, des
Dummen und Schlechten. 4 Er schwankt zwischen dem Tone
1 Vgl. die Briefe vom 28. November 1755 bis beiläufig zum Jänner 1756
über das Erdbeben selbst und die Briefe vom März 1756 bis in den
Mai d. J. über das Poem. Hiezu das Sendschreiben Rousseau’s vom
18. Aug. 1756. — lieber den Werth des Lebens im Allgemeinen spricht
sich Voltaire vornehmlich in seinem Briefwechsel mit der Du Defiand aus.
2 II faut prendre un parti, 15—25.
3 Je vous avoue que je souhaiterais, pour l’edification du genre humain,
qu’on jetfit dans le feu toute l’histoire civile et ecclesiastique: je n’y
vois guere que des annales des crimes . . puisque la papaute a subsiste
au milieu d’un debordement si long et si vaste de tous les crimes,
puisque les arcliives de ces horreurs n’ont corrigE personne, je conclus
que Thistoire n’est bonne ä rien‘. (L’A, B, C; 12 me entretien.)
4 II ne faut pas croire qu’il y ait aucune verite fondamentale dans la
Science de l’histoire comme il en est dans les mathematiques. (Annales
de l’empire a. a. 919—920.) — La bizzarerie des Evenements qui met
tant des contradictions dans la politique humaine. (Essai, c. 140.) —
C’est le sort du genre humain que la vEritE soit persEcutEe des qu’elle
commence k paraitre. (Ibid. 121.) — La destinEe se joue de l’univers.
Sitzungsber. d. phil.-hist. CI. CXV. ßd. I. Hft. 4