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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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Gedichten  —  zumal  im  Candide  und  im  Poeme  sur  le  desastre
de  Lisbonne  1  —  gibt  er  in  uneingeschränktestem  Maasse  die
Thatsache  des  Uebels  zu;  er  macht  auch  keinen  ernsthaften
Versuch,  durch  ätiologische  oder  teleologische  Wendungen  uns
mit  derselben  zu  versöhnen.  Seine  Schilderungen  des  physischen, ­
  intellectuellen  und  moralischen  Elendes  der  Menschen
stehen  an  Drastik  hinter  denen  Schopenhauers  kaum  zurück,
der  Voltaire  auch  mit  Vorliebe  citirt.  Durch  die  ganze  Natur
hin,  sagt  Voltaire,  walten  Kampf  und  Schmerz.  Ein  unwiderstehlicher ­
  Hang  treibt  Thier  gegen  Thier,  und  eines  lebt  vom
Morde  des  anderen.  Mensch  und  Vieh  leiden  fast  ohne  Unterlass, ­
  ja  jenem  ist  gerade  seine  höhere  Entwicklung  eine  Quelle
vermehrten  Leides. 2  Wie  zeigt  uns  erst  die  Geschichte  so
recht  das  Elend  des  menschlichen  Daseins!  Man  werfe  nur
einen  Blick  auf  die  Schicksale  der  Gesellschaft  etwa  von  den
Proscriptionen  Sullas  bis  zu  den  irländischen  Massenmorden!
,Un  esprit  justc‘,  sagt  er,  ,en  lisant  l’histoire  n’est  presque
occupe  qu’a  la  refuter/  Er  nennt  die  Geschichte  ,un  tableau
de  cruautes  et  de  malheurs  des  hommes,  une  suite  presque
continue  des  crimes  et  des  desastres'. 3  Er  spricht  von  der
,bizzarerie  des  eyenements',  von  der  Herrschaft  des  Widerspruches, ­
  des  Unwahrscheinlichen,  des  Unberechenbaren,  des
Dummen  und  Schlechten. 4  Er  schwankt  zwischen  dem  Tone

1  Vgl.  die  Briefe  vom  28.  November  1755  bis  beiläufig  zum  Jänner  1756
über  das  Erdbeben  selbst  und  die  Briefe  vom  März  1756  bis  in  den
Mai  d.  J.  über  das  Poem.  Hiezu  das  Sendschreiben  Rousseau’s  vom
18.  Aug.  1756.  —  lieber  den  Werth  des  Lebens  im  Allgemeinen  spricht
sich  Voltaire  vornehmlich  in  seinem  Briefwechsel  mit  der  Du  Defiand  aus.
2  II  faut  prendre  un  parti,  15—25.
3  Je  vous  avoue  que  je  souhaiterais,  pour  l’edification  du  genre  humain,
qu’on  jetfit  dans  le  feu  toute  l’histoire  civile  et  ecclesiastique:  je  n’y
vois  guere  que  des  annales  des  crimes  .  .  puisque  la  papaute  a  subsiste
au  milieu  d’un  debordement  si  long  et  si  vaste  de  tous  les  crimes,
puisque  les  arcliives  de  ces  horreurs  n’ont  corrigE  personne,  je  conclus
que  Thistoire  n’est  bonne  ä  rien‘.  (L’A,  B,  C;  12 me  entretien.)
4  II  ne  faut  pas  croire  qu’il  y  ait  aucune  verite  fondamentale  dans  la
Science  de  l’histoire  comme  il  en  est  dans  les  mathematiques.  (Annales
de  l’empire  a.  a.  919—920.)  —  La  bizzarerie  des  Evenements  qui  met
tant  des  contradictions  dans  la  politique  humaine.  (Essai,  c.  140.)  —
C’est  le  sort  du  genre  humain  que  la  vEritE  soit  persEcutEe  des  qu’elle
commence  k  paraitre.  (Ibid.  121.)  —  La  destinEe  se  joue  de  l’univers.
Sitzungsber.  d.  phil.-hist.  CI.  CXV.  ßd.  I.  Hft.  4
            
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