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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

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M  ayr.

die  Wundergläubigen  darauf  berufen,  dass  Gott  nur  zu  Gunsten
seiner  Auserwählten  Wunder  verrichte,  so  entgegnet  ihnen  der
Philosoph,  dass  alle  Völker  sich  für  auserwählt  hielten  und  die
Geschichte  aller  von  Wundern  wimmle,  die  man  einem  irgendwie
benannten  Gotte  zuschreibe.  Entweder  —  oder!  Entweder
gesteht  die  Göttlichkeit  all  diese  Wunder  zu,  oder  unterwerft ­
  auch  eure  eigenen  Wundergeschichten  der  historischen
und  philosophischen  Kritik. 1  Die  erstere  beobachtet,  dass
Wunder  zu  allen  Zeiten  an  guter  historischer  Beglaubigung
Mangel  leiden;  dass  sie  sich  in  dem  Maasse  mehren,  als  die
Zeiten  dunkler,  barbarischer,  unwissender  werden;  dass  sie  in
dem  Maasse  verschwinden,  als  Vernunft  und  Aufklärung  zunehmen. ­
  2  Die  historische  Kritik  lehrt  überdies,  dass  mit
den  Mächten  des  Wahnes  auch  die  Absicht  zu  täuschen,  der
Betrug,  Hand  in  Hand  geht.  Wunder  finden  sich  überall
dort,  wo  es  theokratische  Ansprüche  gibt;  sie  sind  Stützen
und  Mittel  der  Herrschaft  über  die  rohe  Menge.  Der  Wunderglaube ­
  vergeht  mit  dem  anbrechenden  Lichte  der  Vernunft.
Das  Wunder  ist  dem  Philosophen  ein  Unding,  weil  es  eine  Verletzung ­
  der  mathematischen,  unabänderlichen,  göttlichen  Gesetze
des  Weltalls  behauptet;  weil  es  auf  eine  ebenso  widerspruchsvolle, ­
  als  niedrige  Vorstellung  vom  Wesen  Gottes  basirt  ist;  weil
es  auf  einem  barbarischen  Wahne  von  der  Wichtigkeit  unseres
winzigen  Planeten  und  unserer  erbärmlichen  Querellen  beruht. 3

1  Quoi?  vous  ne  croyez  pas  aux  mirac.les  rapportes  dans  les  Herodote  et
les  Tite-Live  par  eent  auteurs  respectes  des  nations;  et  vous  croyez  ä
des  aventures  de  la  Palestine  racontes,  dit-on,  par  Jean  et  par  Marc,
dans  des  livres  ignores  etc.  (Catechisme  de  l’honnete  homme,  1763.)  —
jChaque  peuple 1 ,  spottet  er  in  der  Phil,  de  l’hist.,  c.  39,  ,a  ses  prodiges;
mais  tout  est  prodige  ehez  le  peuple  juif;  et  on  peut  dire  qne  cela  devait
etre  ainsi,  puisqu’il  etait  conduit  par  Dien  meine.  II  est  clair  que
l’histoire  de  Dieu  ne  doit  pas  ressembler  ä  celle  des  liommes. 1
2  Fonrquoi  a-t-il  (Dieu)  fait  une  foule  de  miracles  ineomprehensible  en
faveur  de  cette  chetive  nation  avaut  les  temps  qu’on  norame  liistoriques?
Pourqnoi  n’en  fait-il  plus  depuis  quelques  siecles?  (Questions  de  Zapata
III,  1767.)  —  Depuis  les  temps  liistoriques,  c’est-ä-dire  depuis  les  con*
quetes  d’Alexandre,  vous  ne  voyez  plus  de  miracles  ehez  les  Juifs.  (Art.
Miracles,  S.  III.)  —  Plus  les  societes  perfeetionnent  les  connaissances,
moins  il  y  a  de  prodiges.  (Ibid.)
3  Eine  reizende  Persiflage  des  geoeentrischen  Grössenwahnes  enthält  der
Roman  Mikromegas.
            
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