Voltaire-Studien.
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Religion einer falschen auf. Entweder hat er seine Gesetze
verändert, was doch ein unbegreiflicher Wankelmuth bei einem
höchsten Wesen wäre; oder die Vernichtung des Christenthums
in diesen Himmelsstrichen war eine unfehlbare Folge der universellen
Gesetze 1 .
Unter den so verpönten particulären (den gesetzmässigen
Ablauf der Dinge unterbrechenden) Wirkungen Gottes nimmt
in Glauben und Geschichte das Wunder den ersten Platz ein.
Die Bekämpfung des Wunderglaubens bildete ein Lieblingsthema
der Aufklärer. Voltaire hatte hierin berühmte Vorgänger,
wie Woolston, Bolingbroke, und einen noch berühmteren Mitkämpfer:
D. Hume. 1 So oft Voltaire auf die Wunderfrage zu
sprechen kommt, lässt er alle Künste seiner corrosiven Beredtsamkeit
spielen. Meistens ironisirt er, selten bricht er in Hohn
oder Entrüstung aus. In seinen verhältnissmässig jüngeren
Jahren — er wurde sehr alt und blieb sehr lange jung —
bevorzugt er die leichteren Formen des Witzes; je älter er
wird, desto knirschender wird sein Ton. Man focht eben damals
nicht mit Schulklingen, sondern mit blanker, nicht selten
vergifteter Waffe.
Auf dem Standpunkte Voltaire’s gibt es kein Wunder;
über Wunder findet von Rechtswegen weder ein Wissen, noch
ein Meinen oder Glauben statt. Wohl aber gibt es einen
Wunderglauben als historische Thatsache, als historisch machtvollen
Wahn, der es seiner thatsächlichen, actuellen Bedeutung
halber verdient, auf seinen Ursprung, seine Motive, Ziele,
kurzweg Erscheinungsformen geprüft zu werden. Unter den
historischen Wundern sind wiederum die biblischen für uns
die wichtigsten, nicht weil sie realer wären, als die Wunder
der heidnischen Welt, sondern weil sie den stärksten Einfluss
auf die Schicksale der Menschen ausgeübt haben. Wenn sich
1 Ueber Woolston’s Schrift (Diseourses on the miracles of our saviour)
erzählt Voltaire: ,11 en fit en deux ans depuis 1727 ii 1729 trois editions
de vingt mille exemplaires chaeuue; il ost difficile aujourd’hui d’en
trouver chez les libraires 1 . (Art. Miracles, Sect. IV.) — Kr seihst bekämpft
das Wunder und die Wunder, man kann sagen, in jeder seiner philosophischen
oder historischen Abhandlungen. Insbesondere vgl. Questions
sur les miracles (1765). —- Art. Miracles (nach llenchot nur zum Theile
von Voltaire' herrührend).