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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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Religion  einer  falschen  auf.  Entweder  hat  er  seine  Gesetze
verändert,  was  doch  ein  unbegreiflicher  Wankelmuth  bei  einem
höchsten  Wesen  wäre;  oder  die  Vernichtung  des  Christenthums
in  diesen  Himmelsstrichen  war  eine  unfehlbare  Folge  der  universellen ­
  Gesetze 1 .
Unter  den  so  verpönten  particulären  (den  gesetzmässigen
Ablauf  der  Dinge  unterbrechenden)  Wirkungen  Gottes  nimmt
in  Glauben  und  Geschichte  das  Wunder  den  ersten  Platz  ein.
Die  Bekämpfung  des  Wunderglaubens  bildete  ein  Lieblingsthema ­
  der  Aufklärer.  Voltaire  hatte  hierin  berühmte  Vorgänger,
wie  Woolston,  Bolingbroke,  und  einen  noch  berühmteren  Mitkämpfer: ­
  D.  Hume. 1  So  oft  Voltaire  auf  die  Wunderfrage  zu
sprechen  kommt,  lässt  er  alle  Künste  seiner  corrosiven  Beredtsamkeit
  spielen.  Meistens  ironisirt  er,  selten  bricht  er  in  Hohn
oder  Entrüstung  aus.  In  seinen  verhältnissmässig  jüngeren
Jahren  —  er  wurde  sehr  alt  und  blieb  sehr  lange  jung  —
bevorzugt  er  die  leichteren  Formen  des  Witzes;  je  älter  er
wird,  desto  knirschender  wird  sein  Ton.  Man  focht  eben  damals ­
  nicht  mit  Schulklingen,  sondern  mit  blanker,  nicht  selten
vergifteter  Waffe.
Auf  dem  Standpunkte  Voltaire’s  gibt  es  kein  Wunder;
über  Wunder  findet  von  Rechtswegen  weder  ein  Wissen,  noch
ein  Meinen  oder  Glauben  statt.  Wohl  aber  gibt  es  einen
Wunderglauben  als  historische  Thatsache,  als  historisch  machtvollen ­
  Wahn,  der  es  seiner  thatsächlichen,  actuellen  Bedeutung
halber  verdient,  auf  seinen  Ursprung,  seine  Motive,  Ziele,
kurzweg  Erscheinungsformen  geprüft  zu  werden.  Unter  den
historischen  Wundern  sind  wiederum  die  biblischen  für  uns
die  wichtigsten,  nicht  weil  sie  realer  wären,  als  die  Wunder
der  heidnischen  Welt,  sondern  weil  sie  den  stärksten  Einfluss
auf  die  Schicksale  der  Menschen  ausgeübt  haben.  Wenn  sich

1  Ueber  Woolston’s  Schrift  (Diseourses  on  the  miracles  of  our  saviour)
erzählt  Voltaire:  ,11  en  fit  en  deux  ans  depuis  1727  ii  1729  trois  editions
de  vingt  mille  exemplaires  chaeuue;  il  ost  difficile  aujourd’hui  d’en
trouver  chez  les  libraires 1 .  (Art.  Miracles,  Sect.  IV.)  —  Kr  seihst  bekämpft
das  Wunder  und  die  Wunder,  man  kann  sagen,  in  jeder  seiner  philosophischen ­
  oder  historischen  Abhandlungen.  Insbesondere  vgl.  Questions
sur  les  miracles  (1765).  —-  Art.  Miracles  (nach  llenchot  nur  zum  Theile
von  Voltaire'  herrührend).
            
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