Das Handschriftenverhältüißs der Vita S. Severini des Eugippius.
491
A und Vallic. gewahrt, von dein oben nachgewiesen wurde,
dass er auf einen andern Codex derselben Classe, deren Vertreter
jetzt T ist, zurückgeht. Ueber den adjectivischen Gebrauch
des reciproken Pronomens alteruter in der späten Latinität
vgl. Tertull. pudic. 2: alterutra oppositio ; id. persec. 1: alterutra
diligentia. C. v. Paucker, Spicilegium addendorum, lex. lat.
Mit. 1875 (s. v.) und Melanges greco-rom. III, p. 608. Der
Sinn der Stelle ist klar und steht mit dem Vorhergehenden
im Einklang: ,durch die gegenseitige Reibung des Steines
hielten sie sich so lange auf, dass' u. s. w.; für den collectivischen
Singular petrae habe ich allerdings kein Beispiel; ist
vielleicht auch petrae fremder Zusatz und aus dem Texte zu
entfernen? Wie die Interpolation ferri in der Handschriftenclasse
L V. 2 entstand, ist unschwer zu erklären. Offenbar stand
bereits im Archetypus des L und T das fehlerhafte ac, nach
einer in lateinischen Handschriften sehr häufigen Corruptel;
vgl. Lachmann zu Lucrez p. 156, 176, 178, 287, 411, 420. Der
Schreiber der Vorlage des L und V 2 vermuthete nun, da er ac
irrthümlich für die Conjunction ansah, es sei etwas ausgefallen.
Was war nun für ihn natürlicher, als ferri einzuschieben?
Dabei entging ihm jedoch, dass er durch seine scheinbar so
leichte und passende Emendation mit den unmittelbar vorhergehenden
Worten des Eugippius in Widerspruch gerieth.
Noch deutlicher als diese Stelle zeigt eine andere durch
die Uebereinstimmung eines anderen, sehr alten Zeugen, dass
T den Text des gemeinsamen Archetypus viel treuer überliefert
hat, als L und F 2 ; es ist dies c. XXXII, 2. Die
dort mitgetheilte Prophezeiung Severins gewissen Vornehmen
gegenüber betreffs der Dauer der Herrschaft Odoacars
lautet nach der Ueberlieferung des L: respondentib; ododere
odoäcer integer inter tredecim et quatuordecini annos uidelicet
integritate eins regni significans. Sauppe sucht der offenbar
corrupten Stelle durch Einschiebung von inquit und qui aufzuhelfen;
doch ist dadurch dieselbe noch keineswegs geheilt.
Vor allem fällt integritatem auf; denn die Worte von uidelicet
angefangen müssen offenbar eine Erklärung und Deutung des
Biographen für die etwas unklare Prophezeiung enthalten;
in dieser Fassung aber erklären sie nichts, sondern wiederholen
tautologisch mit etwas verändertem Ausdruck die Prophe-