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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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alle  historischen  Daten,  welche  verworfen  werden  müssen,
qualificirte  Lügen;  es  gibt  auch  historische  Irrthümer  sehr
verzeihlicher  Natur. 1  Man  kann  irren  aus  Unachtsamkeit;  man
kann  irren  in  seinen  Schlussfolgerungen,  was  nur  allzu  häufig
vorkömmt.  Im  Ganzen  überwiegt  die  Lüge  den  Irrthum.  So
berechtigt  diese  Erwägungen  Voltaire’s  sein  mögen,  so  sind  sie
doch  zu  allgemein  hingestellt.  Er  kennt  nicht  den  Unterschied
von  Mythen,  Sagen,  Legenden  und  Tendenzmärchen.  Wie  sein
ganzes  Jahrhundert  gewährt  er  der  bewussten  Erfindung,  der
eigentlichen  Lüge,  dem  qualificirten  Betrüge  einen  allzu  weiten
Spielraum.  Er  bedenkt  auch  nicht,  dass  selbst  Hass,  Leidenschaft, ­
  Servilismus  selten  absichtlich  die  Unwahrheit  sagen;
sie  umdunkeln  vielmehr  von  vorneherein  den  Intellect  und
heben  dessen  Freiheit  auf.
Dass  Voltaire  die  Anekdoten,  die  Volksreden  im  Stile
des  Thukydides  oder  Livius,  die  Charakterschilderungen  (portraits
 2 )  üblicher  Art  bekämpft,  liegt  im  rationalistischen
Zuge  seiner  Natur  und  seiner  Zeit,  in  der  bei  ihm  zum  Durchbruch ­
  gelangenden  Abneigung  des  wissenschaftlichen  Geistes
gegen  die  classicistische  Tradition,  welche  darin  einen  unentbehrlichen ­
  Schmuck  der  historischen  Diction  erblickte.
Insbesondere  sieht  Voltaire  jeder  Anekdote  3  scharf  ius  Gesicht;
ihre  pöbelhafte  Physiognomie  hat  etwas  Empörendes  für  den
Mann,  der  mit  den  Grossen  dieser  Welt  auf  vertrautem  Fusse
zu  leben  gewohnt  war.  Anekdoten  reproducirt  er  niemals  gerne,
auch  wenn  sie  wohl  verbürgt  und  glaubhaft  sind.  Erstlich
widerstrebt  es  ihm,  wie  oft  geschieht,  Anekdoten  zu  erzählen
und  auf  sie  den  Ursprung  grosser  Ereignisse  zurückzuführen,
statt  sich  der  Mühe  einer  Untersuchung  ihrer  verwickelten

et  eelni  de  ne  point  ennuyer.  (A  Nordberg,  1742,  Nr.  1271  der  Hachette’schen
  Edition.)
1  Histoire  de  la  Russie,  Preface  §.  7.
2  Les  portraits  de.s  hommes  sont  presque  tous  faits  de  fantaisie  .  .  .  les
hommes  publies  des  temps  passes  ne  peuvent  etre  caracterises  que  par
les  faits.  Vgl.  Connaissance  de  la  poesie  et  de  l’eloquence  (1749).  Caracteres
  et  portraits.
3  Ygl.  den  Art.  Ana,  Anecdotes  im  Dict.  phil.  —  Histoire  de  la  Russie
sous  Pierre  le  Graud,  Preface  §.  4—7.  —  Siede  de  Louis  XIV,  c.  25.  —
AM.,  sur  les  anecdotes  (1775).
Sitzungsber.  d.  phil.-hist.  ÜL  XCV.  Bd.  1.  llft.  3
            
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