Voltaire-Studien.
33
alle historischen Daten, welche verworfen werden müssen,
qualificirte Lügen; es gibt auch historische Irrthümer sehr
verzeihlicher Natur. 1 Man kann irren aus Unachtsamkeit; man
kann irren in seinen Schlussfolgerungen, was nur allzu häufig
vorkömmt. Im Ganzen überwiegt die Lüge den Irrthum. So
berechtigt diese Erwägungen Voltaire’s sein mögen, so sind sie
doch zu allgemein hingestellt. Er kennt nicht den Unterschied
von Mythen, Sagen, Legenden und Tendenzmärchen. Wie sein
ganzes Jahrhundert gewährt er der bewussten Erfindung, der
eigentlichen Lüge, dem qualificirten Betrüge einen allzu weiten
Spielraum. Er bedenkt auch nicht, dass selbst Hass, Leidenschaft,
Servilismus selten absichtlich die Unwahrheit sagen;
sie umdunkeln vielmehr von vorneherein den Intellect und
heben dessen Freiheit auf.
Dass Voltaire die Anekdoten, die Volksreden im Stile
des Thukydides oder Livius, die Charakterschilderungen (portraits
2 ) üblicher Art bekämpft, liegt im rationalistischen
Zuge seiner Natur und seiner Zeit, in der bei ihm zum Durchbruch
gelangenden Abneigung des wissenschaftlichen Geistes
gegen die classicistische Tradition, welche darin einen unentbehrlichen
Schmuck der historischen Diction erblickte.
Insbesondere sieht Voltaire jeder Anekdote 3 scharf ius Gesicht;
ihre pöbelhafte Physiognomie hat etwas Empörendes für den
Mann, der mit den Grossen dieser Welt auf vertrautem Fusse
zu leben gewohnt war. Anekdoten reproducirt er niemals gerne,
auch wenn sie wohl verbürgt und glaubhaft sind. Erstlich
widerstrebt es ihm, wie oft geschieht, Anekdoten zu erzählen
und auf sie den Ursprung grosser Ereignisse zurückzuführen,
statt sich der Mühe einer Untersuchung ihrer verwickelten
et eelni de ne point ennuyer. (A Nordberg, 1742, Nr. 1271 der Hachette’schen
Edition.)
1 Histoire de la Russie, Preface §. 7.
2 Les portraits de.s hommes sont presque tous faits de fantaisie . . . les
hommes publies des temps passes ne peuvent etre caracterises que par
les faits. Vgl. Connaissance de la poesie et de l’eloquence (1749). Caracteres
et portraits.
3 Ygl. den Art. Ana, Anecdotes im Dict. phil. — Histoire de la Russie
sous Pierre le Graud, Preface §. 4—7. — Siede de Louis XIV, c. 25. —
AM., sur les anecdotes (1775).
Sitzungsber. d. phil.-hist. ÜL XCV. Bd. 1. llft. 3