Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Yoltnire-Stndien.

31
So  wenig,  lehrt  ferner  Voltaire,  als  die  pure  Möglichkeit
oder  Wahrscheinlichkeit  die  Wirklichkeit  eines  Factums  erhärtet, ­
  so  wenig  reicht  der  Schein  der  Unwahrscheinlichkeit  in
allen  Fällen  zu,  eine  Ueberlieferung  zweifelhaft  zu  machen.
Auch  das  wahrscheinliche,  an  sich  mögliche,  widerspruchsfreie ­
  Factum  bedarf  des  guten,  gewichtigen  Zeugnisses,  um
Glauben  zu  verdienen.  Andrerseits  vermögen  gute  Zeugnisse
Nachrichten,  die  auf  den  ersten  Anblick  Verdacht  erregen  und
eine  grosse  Familienähnlichkeit  mit  den  landläufigen  Fabeln
haben,  plausibel  zu  machen.  1  Unter  den  Ueberresten  der  Vergangenheit ­
  sind  vornehmlich  die  Monumente  schätzenswert!].
Jedoch  beweist  ein  Monument  als  solches  noch  nicht  die  Wahrheit ­
  eines  hiedurch  verewigten  Factums;  es  beweist  nur,  dass
diejenigen,  welche  es  errichtet,  an  das  betreffende  Factum
glaubten.  ,Wie  hätte  ein  Philosoph  im  Tempel  des  Jupiter
Stator  die  Menge  überreden  können,  dass  Jupiter  nicht  vom
Himmel  herabgestiegen  sei,  um  der  Flucht  der  Römer  Einhalt
zu  gebieten?  .  .  .  Die  Priester  würden  ihm  geantwortet  haben:
Ungläubiger  Verbrecher!  Ihr  müsst  zugeben,  wenn  ihr  die
Rostra  sehet,  dass  wir  eine  Seeschlacht  gewonnen  haben,  von
der  diese  Säule  das  Wahrzeichen  ist:  so  gebt  auch  zu,  dass
die  Götter  auf  die  Erde  herabgestiegen  sind,  uns  zu  vertheidigen,
und  lästert  nicht  unsere  Mirakel  angesichts  der  Monumente,
welche  sie  bezeugen.'  So  wenig  als  Monumente  gewähren
Medaillen,  Feste,  Ceremonien  eine  hinreichende  Bürgschaft  für
die  Thatsache,  von  der  sie  Zeugniss  geben  sollen. 2  Was  die

1  Ce  qui  n’est  vraisemblable  ne  doit  peut-etre  cru,  ii  moins  que  plusieurs
contemporains  dignes  de  foi  ne  deposent  unanimement.  (Siede  de  Lonis  XIV,
c.  25,  vgl.  Essai,  c.  197.)  Dass  das  scheinbare  Naturwidrige  doch  mitunter
wirklich  ist,  beweist  die  religiöse  Prostitution  in  Babylon.  (Defense  de  mon
oncle,  1767,  2.)  Voltaire  bekämpft  das  herodoteische  Zeugniss  mit  dem
Satze:  ,Ce  qui  n’est  pas  dans  la  nature  n’est  jamais  vrai‘.  Freilich  sind
es  analoge  Fälle,  die  hier  nnd  oftmals  dem  nicht  unbezweifelbaren  Zeugnisse ­
  zur  Stütze  dienen.  Von  der  Analogie  macht  er  selbst  oft  Gebrauch.
,11  serait  encore  difßcile  de  concilier  les  idees  sublimes  que  Ies  bramines
conaervent  de  l’Etre  sublime,  avee  leurs  superstitions  et  leur  mythologie
fabuleuse,  si  Fhistoire  ne  nous  moutrait  pas  de  pareilles  coutradictions
  cliez  les  Grecs  et  les  Romains.  (Essai,  c.  3.)
2  Phil,  de  l’liist.,  24:  Par  quel  exces  de  demence,  par  quelle  opiniätrete
absurde,  tant  des  compilateurs  ont-ils  voulu  prouver  dans  taut  de  volumes
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.