Yoltnire-Stndien.
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So wenig, lehrt ferner Voltaire, als die pure Möglichkeit
oder Wahrscheinlichkeit die Wirklichkeit eines Factums erhärtet,
so wenig reicht der Schein der Unwahrscheinlichkeit in
allen Fällen zu, eine Ueberlieferung zweifelhaft zu machen.
Auch das wahrscheinliche, an sich mögliche, widerspruchsfreie
Factum bedarf des guten, gewichtigen Zeugnisses, um
Glauben zu verdienen. Andrerseits vermögen gute Zeugnisse
Nachrichten, die auf den ersten Anblick Verdacht erregen und
eine grosse Familienähnlichkeit mit den landläufigen Fabeln
haben, plausibel zu machen. 1 Unter den Ueberresten der Vergangenheit
sind vornehmlich die Monumente schätzenswert!].
Jedoch beweist ein Monument als solches noch nicht die Wahrheit
eines hiedurch verewigten Factums; es beweist nur, dass
diejenigen, welche es errichtet, an das betreffende Factum
glaubten. ,Wie hätte ein Philosoph im Tempel des Jupiter
Stator die Menge überreden können, dass Jupiter nicht vom
Himmel herabgestiegen sei, um der Flucht der Römer Einhalt
zu gebieten? . . . Die Priester würden ihm geantwortet haben:
Ungläubiger Verbrecher! Ihr müsst zugeben, wenn ihr die
Rostra sehet, dass wir eine Seeschlacht gewonnen haben, von
der diese Säule das Wahrzeichen ist: so gebt auch zu, dass
die Götter auf die Erde herabgestiegen sind, uns zu vertheidigen,
und lästert nicht unsere Mirakel angesichts der Monumente,
welche sie bezeugen.' So wenig als Monumente gewähren
Medaillen, Feste, Ceremonien eine hinreichende Bürgschaft für
die Thatsache, von der sie Zeugniss geben sollen. 2 Was die
1 Ce qui n’est vraisemblable ne doit peut-etre cru, ii moins que plusieurs
contemporains dignes de foi ne deposent unanimement. (Siede de Lonis XIV,
c. 25, vgl. Essai, c. 197.) Dass das scheinbare Naturwidrige doch mitunter
wirklich ist, beweist die religiöse Prostitution in Babylon. (Defense de mon
oncle, 1767, 2.) Voltaire bekämpft das herodoteische Zeugniss mit dem
Satze: ,Ce qui n’est pas dans la nature n’est jamais vrai‘. Freilich sind
es analoge Fälle, die hier nnd oftmals dem nicht unbezweifelbaren Zeugnisse
zur Stütze dienen. Von der Analogie macht er selbst oft Gebrauch.
,11 serait encore difßcile de concilier les idees sublimes que Ies bramines
conaervent de l’Etre sublime, avee leurs superstitions et leur mythologie
fabuleuse, si Fhistoire ne nous moutrait pas de pareilles coutradictions
cliez les Grecs et les Romains. (Essai, c. 3.)
2 Phil, de l’liist., 24: Par quel exces de demence, par quelle opiniätrete
absurde, tant des compilateurs ont-ils voulu prouver dans taut de volumes