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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Sttiä  ipn.

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Theilt  man  nach  den  Berichten,  welche  uns  vorliegen,
die  Zeiten  in  historische  und  fabelhafte,  so  fallen  diese  ganz,
jene,  sofern  sie  vor  der  Kritik  nicht  bestehen,  aus  der  Geschichte
hinaus. 1  Grundsätze  dieser  Art  sind  auch  zu  Voltaire’s  Zeiten
nicht  neu  oder  unbekannt  gewesen.  Was  aber  Voltaire  auszeichnet ­
  ist  seine  enorme  Kraft,  sie  anzuwenden;  denn  eingesehen ­
  wird  auf  der  Welt  sehr  viel,  aber  angewandt  nicht,
aus  Mangel  an  Urtheilskraft,  als  der  Fähigkeit,  das  Einzelne,

de  faits  absurdes,  quel  amas  de  fables  qui  clioquent  le  sens  commun.
(Histoire  de  Charles  XU,  Preface  1748.)  —  ,Son  grand  but  etait  de  juger
par  le  sens  commun  les  fables  de  fantiquite 1 ,  sagt  er  von  sich.  (Defense
de  mon  oncle,  1767.  Exorde.)
1  ,La  fable  est  la  sceur  ainee  de  I’histoire“,  ist  einer  seiner  Lieblingssprüche.
  —  Apres  les  temps  fabulenx  viennent  les  temps  historiques;  et
eet  historique  est  encore  partout  mele  de  fables.  (Fragments  historiques  sur
Finde,  c.  31.)  —  Je  n’approuve  point  dans  Tite-Live  ce  que  j’aime  dans
l’Homere.  (A  Colini,  21.  Oct.  1767.)  Kritische  Erörterungen  finden  sich
aller  Orten  in  seinen  historischen  und  philosophischen  ITaupt-  und
Nebenwerken.  Die  ausführlichste  kritische  Untersuchung  aus  seiner  Feder
betrifft  das  Testament  Richelieu’s,  worüber  viel  gestritten  worden.  Die
Zahl  angeblicher  Geschichten,  welche  er  ins  Fabelbuch  verweist,  ist
Legion.  Ich  nenne  nur  beispielshalber:  die  französischen  Königsmirakcl
(ßheimser  Flaschen  etc.),  Essai  c.  42;  das  Histörchen  von  Eginhard  und
Emma  (,digne  de  l’areheveque  Turpin*,  Ann.  de  l'empire  a.  a.  794);  den
Mäusethurm  (a.  a.  969);  Heinrich  II.  Jungfräulichkeit  (a.  a.  1024);  den
Antheil  Kaiser  Friedrich  II.  an  dem  Pamphlete  ,De  tribus  impostoribus 1
(a.  a.  1239);  die  Teilsage  (,Fable  danoise“,  Essai,  c.  67  und  Ann.  a.  a.
1307).  Wie  genau  er  es  mitunter  nahm,  dafür  ein  Beispiel  statt  hundert
anderer.  Er  las  von  einer  angeblich  aus  dem  Jahre  1301  stammenden
Kanone,  die  sich  noch  in  Amberg  befinden  sollte.  Das  frühe  Datum
machte  ihn  stutzen.  Er  veranlasste  also  den  Grafen  Holnstein,  sich  an
Ort  und  Stelle  um  die  Sache  zu  bekümmern.  Die  Kanone  existirte  nicht.
Dagegen  fand  man  auf  dem  Grabsteine  eines  Ingenieurs  Abbildungen
von  Kanonen  und  im  Epitaph  die  Jahreszahl  1501.  Offenbar  hatte  man
aus  der  abgebildeten  eine  veritable  Kanone,  und  aus  der  Fünf  eine  Drei
gemacht.  ,Si  od  approfondisait  ainsi  toutes  les  antiquites,  ou  plutot  tons
les  contes  dont  on  nous  berce,  on  trouverait  plus  d’une  vieille  erreur  ä
rectifier. 1  (Kemarques  1763,  Nr.  VIII.)
Voltaire  war  weder  der  Erste,  der  obige  Fabeln  bezweifelte,  noch
gab  er  sich  dafür  aus.  Aber  er  hatte  für  das,  was  bezweifelt  zu  werden
verdiente,  einen  lebendigen  Instinct.  Er  verbreitete  den  kritischen  Sinn
über  alle  Welt  und  machte  mehr,  als  irgend  ein  Andrer,  die  kritiklose
Erudition  und  den  spielenden  bel-esprit  in  der  Geschichtschreibung  unmöglich. ­

            
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