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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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längst  vor  ihm  existirt.  Aber  die  Geschichte  der  Wissenschaften ­
  zeigt,  wie  viel  auf  eine  glückliche  Namenschöpfung
ankömmt.  Der  pure  Terminus  ,Philosophie  der  Geschichte*
macht  sich  als  eine  fortzeugende  Kraft  bemerkbar  und  beeinflusst ­
  den  Gang  der  Philosophie,  wie  der  Geschichte.  Er  besagt,
dass  es  eine  besondere  Disciplin  der  Philosophie  gebe,  Namens
Geschichtsphilosophie,  etwa  wie  eine  Naturphilosophie  existirt;
er  macht  zu  wissen,  dass  es  neben  der  gewöhnlichen  Art  der
Geschichtschreibung  auch  eine  höhere  Betrachtung  historischer
Dinge  gebe.  Er  enthält  eine  Aussage  über  das  Zusammenbestehen ­
  beider  Wissenschaften.  Wie  weit  nun  die  Wechselbeziehungen ­
  beider  reichen,  sagt  er  nicht.  Es  geht  uns  hier
auch  nichts  an.  Wir  haben  uns  zuvörderst  nur  darum  zu
kümmern,  wie  Voltaire  selbst  seinen  Begriff  einer  ,philo  sopliie
de  l’histoire*  definirt  und  verwirklicht.
Wir  wären  heutzutage  am  wenigsten  geneigt,  der  Geschichtsphilosophie ­
  zu  vindiciren,  was  Voltaire  gerade  als  eine  ihrer
Hauptaufgaben  betrachtet:  die  Kritik  der  Ueberlieferungen,  der
Data  und  Facta.  ,Bei  allen  Nationen*,  sagt  er,  ,wird  die  Geschichte ­
  durch  Fabeleien  entstellt,  bis  endlich  die  Philosophie
die  Menschen  aufzuklären  beginnt*. 1  Der  ganze  Zustand  der
Historiographie,  den  er  vorfaud,  lehrte  ihn,  dass  dieser  Wissenszweig ­
  der  Philosophie  bedürfe. 2  So  rechnete  er  es  denn  auch
zu  den  grossen  Ergebnissen  seines  Zeitaltei's,  dass  es  den  Geist
des  Zweifels  über  die  fälschlicher  Weise  Geschichte  genannten
Fabeln  des  Alterthums  verbreitet  habe. 3  Kein  Historiker  wird
heutzutage  so  leicht  zugeben,  dass  zur  Kritik  gerade  Philosophie ­
  nöthig  sei.  Jedenfalls  kann  er  zugeben,  dass  man  zu
Voltaire’s  Zeiten  deren  bedurfte,  wenn  auch  heute  die  Umstände ­
  gewechselt  haben,  und  wenn  wir  auch  gewohnt  sind,

1  Essai,  c.  197.  —  Unter  den  mancherlei  Bedeutungen,  welche  Voltaire ­
  dein  ,esprit  philosophique 1  beilegt,  erscheint  auch  diese  ,1’esprit  qui
distingue  le  faux  du  vrai,  l’incroyablc  du  vraisemblable  et  qui  sacrifie
l’inutile“.  (Sieele  de  Louis  XIV.  Liste  rais.  s.  v.  Bollin.)
2  Histoire  de  la  Bussie,  Preface,  §.  7.
3  Precis  du  Sieele  de  Louis  XV,  c.  43.  —  Die  sonst  nicht  näher  bezeichneten
  Citate  dieser  Studie  sind  dem  Art.  Histoire  des  Dict.  philos.  entnommen. ­
  Ueher  genannten  Artikel  vgl.  den  Brief  au  d’Alembert  vom
9.  October  175ti.
            
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