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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

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M  ayr.

Voltaire  macht  in  dem  alphabetischen  Schriftsteller-Verzeichniss, ­
  das  er  seinem  Siede  de  Louis  XIV  voranschickt,  beiläufig ­
  hundert  Historiker,  d.  i.  dreissig  Procent  der  verzeichneten
Schriftsteller,  namhaft.  Man  kann  daher  mit  Recht  von  einem
schwunghaften  Betriebe  dieses  Literaturzweiges  sprechen,  um  so
mehr,  wenn  man  bedenkt,  dass  es  auch  den  Deutschen,  Italienern, ­
  Engländern,  Nordländern  nicht  an  Historikern  fehlte. 1
Eines  hatte  der  Gelehrte  jener  Tage  überdies  noch  vor  dem  der
unserigen  voraus,  das  geographisch  minder  eingeschränkte  Publicum, ­
  woferne  er  lateinisch  oder  französisch  schrieb.  Freilich
erwuchs  demselben  daraus  eine  Mehrbelastung  mit  Lecture,
weshalb  denn  auch  die  Majorität  im  Lesen  und  Compiliren  aufging. ­
  Doch  würde  man  irren  zu  glauben,  es  habe  der  vor-Voltaire'schen
  Zeit  ganz  an  lebendigen  Motiven  oder  tieferen
Auffassungen  des  Geschichtsstudiums  gefehlt.  Die  Renaissance
und  in  gewisser  Hinsicht  auch  die  Reformation  hatten  die
geistige  Thätigkeit  der  abendländischen'  Welt  höher  gestimmt:
das  vei'lor  sich  nicht  gänzlich,  als  die  religiösen  Kämpfe  die
Culturentwicklung  Europas  zum  Stillstände  brachten;  ja  die
reactionären  Strömungen  des  siebzehnten  Jahrhunderts  waren
nicht  so  unfruchtbar,  als  man  nur  allzugeme  annimmt.  Was
Frankreich  im  Besonderen  betrifft,  so  waren  es  weniger  die
humanistischen  und  religiösen  Interessen,  die  zur  Geschichte
führten,  wie  in  Italien  und  Deutschland  der  Fall  war,  sondern
die  politischen. 2  Reale  Politik  und  rationale  Politik  fim  Sinne

1  In  Le  Long’s  Bibliotheque  sind,  wie  Voltaire  angibt,  17.487  bloss  anf  die
Geschichte  Frankreichs  bezügliche  Werke  Terzeichnet,  darunter  Werke
von  mehr  als  hundert  Bänden.  (Le  Long’s  Bibliotheqne  war  1719  in  erster
Auflage  erschienen.)  ,Znus  Glück  ist  die  Mehrzahl  dieser  Biieher  das
Lesen  nicht  werth*,  setzt  Voltaire  hinzu.  (Remarques  de  l’Essai  1763,
Nr.  20.)  Die  auf  fünf  Folianten  vermehrte  Ausgabe  von  1768—1778  enthält ­
  bereits  mehr  als  42.000  Kümmern.  —  ,11  feudrait  vivre  Cent  ans,  pour
lire  senlement  tous  les  histoires  depuis  Francois  I.‘  (A  Belle-Isle,  4.  Ang.
1752.)  —  Voltaire  konnte  in  Betreff  seiner  Zeit  sagen:  ,L’histoire  est  la
partie  des  helles-lettres  qui  a  le  plus  de  partisans  dans  tous  les  pays‘.
(A  Cideville,  9.  Juli  1754.)
3  Vgl.  Monod  in  der  Revue  historiqne  I.  Du  progres  des  etudes  historiques
en  France  depuis  le  XVI’“  siede.  —  Buckle,  Geschichte  der  Civilisation,
13.  Cap.  —  Flint,  Philosophy  of  history,  p.  76  ff.  —  Wachler,  Geschichte
der  historischen  Forschung  und  Kunst.  —  La  Harpe,  Lycee,  T.  X,  C.  2.
            
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