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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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nichts  einzuwenden,  so  wenig  als  gegen  eine  Staatsreligion,
welche  mit  Berücksichtigung  des  Bestehenden  die  Priester  und
Kirchen  in  ihre  Obhut  nimmt,  woferne  sie  nicht  die  Grenzen
der  Gesetze  überschreiten  und  dem  Gemeinwesen  schädlich  sind.
Diese  Religion,  meint  Voltaire,  wurzle  theilweise  schon  in  den
Herzen  mancher  Fürsten,  aber  zur  Herrschaft  würde  sie  erst
kommen,  sobald  die  Artikel  des  ewigen  Friedens,  den  der  Abbe
St-Pierre  in  Vorschlag  gebracht  hat,  von  allen  Potentaten  signirt
  sein  würden. 1  Voltaire  pflegt  eben  allen  überschwenglichen ­
  Erwartungen  einen  Dämpfer  aufzusetzen.
Voltaire  nennt  zwar  seinen  Theismus  eine  philosophische
Lehre; 2  aber  die  Gebiete  der  Philosophie  und  Religion  fallen
für  ihn  nicht  vollkommen  über  einander,  ob  er  sie  nun  in
ihrem  historischen  Begriffe  nimmt,  oder  ob  er  sich  ihr  Ideal
construirt.  Für  den  Philosophen  in  Voltaire’s  Sinne  gibt  es
noch  ein  besonderes,  selbstständiges,  unterscheidbares  Gebiet
der  Religion.  Sondern  wir  alle  jene  Vorschläge,  die  auf  die
bestehenden  Verhältnisse  Bezug  haben,  alle  jene  Mittel-  oder
Compromissformen  ab,  welche  von  dem  bestehenden  auf  idealere
Zustände  überleiten  sollen,  so  bleibt  noch  eine  rein  philosophische ­
  Religionslehre  übrig,  die  zur  eigentlichen  Philosophie
ergänzend  hinzutritt.  Die  Religion  ist  nicht  blosses  Surrogat ­
  der  Philosophie;  sie  ist  auch  nicht  durch  die  letztere

pretre?  celle  qui  n’enseignerait  que  l’adoration  d’un  Dieu,  la  justice,  la
tolerance  et  l’humanite?
1  Art.  Religion,  I.  Wie  gemässigt  Voltaire’s  Ansichten  überhaupt  waren,
sofeme  sie  ins  Praktische  einschlugen,  möge  eine  Stelle  aus  dem  vertraulichsten ­
  Briefwechsel  beweisen:  ,Je  sais  bien,  qu’on  ne  detruira  pas
la  hierarchie  etablie,  puisqu’il  en  faut  une  au  peuple;  on  n’abolira  pas
la  secte  dominante,  mais  certainement  on  la  rendra  moins  dominante  et
moins  dangereuse.  Le  christianisme  deviendra  plus  raisonnable  et  par
consequent  moins  persecuteur.  On  traitera  la  religion  en  France  comme
en  Angleterre  et  en  Holland,  oü  eile  fait  le  moins  de  mal  qu’il  soit
possible.  (A  Helvetius,  26.  Juni  1765.)
2  C’est  que  le  theisme  doit  encore  moins  s’appeler  une  religion  qu’un
Systeme  de  philosophie.  (Art.  Athee,  II.)  —  On  demande  pourquoi,  de
cinq  ou  six  cents  sectes,  il  n’y  en  a  guere  eu  qui  n’aient  fait  repandre
du  sang,  et  que  les  theistes,  qui  sont  partout  si  nombreux,  n’ont  jamais
cause  le  moindre  tumulte?  c’est  que  c.e  sont  des  philosophes.  (Art.
Theisme.)
            
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