Voltaire-Studien.
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nichts einzuwenden, so wenig als gegen eine Staatsreligion,
welche mit Berücksichtigung des Bestehenden die Priester und
Kirchen in ihre Obhut nimmt, woferne sie nicht die Grenzen
der Gesetze überschreiten und dem Gemeinwesen schädlich sind.
Diese Religion, meint Voltaire, wurzle theilweise schon in den
Herzen mancher Fürsten, aber zur Herrschaft würde sie erst
kommen, sobald die Artikel des ewigen Friedens, den der Abbe
St-Pierre in Vorschlag gebracht hat, von allen Potentaten signirt
sein würden. 1 Voltaire pflegt eben allen überschwenglichen
Erwartungen einen Dämpfer aufzusetzen.
Voltaire nennt zwar seinen Theismus eine philosophische
Lehre; 2 aber die Gebiete der Philosophie und Religion fallen
für ihn nicht vollkommen über einander, ob er sie nun in
ihrem historischen Begriffe nimmt, oder ob er sich ihr Ideal
construirt. Für den Philosophen in Voltaire’s Sinne gibt es
noch ein besonderes, selbstständiges, unterscheidbares Gebiet
der Religion. Sondern wir alle jene Vorschläge, die auf die
bestehenden Verhältnisse Bezug haben, alle jene Mittel- oder
Compromissformen ab, welche von dem bestehenden auf idealere
Zustände überleiten sollen, so bleibt noch eine rein philosophische
Religionslehre übrig, die zur eigentlichen Philosophie
ergänzend hinzutritt. Die Religion ist nicht blosses Surrogat
der Philosophie; sie ist auch nicht durch die letztere
pretre? celle qui n’enseignerait que l’adoration d’un Dieu, la justice, la
tolerance et l’humanite?
1 Art. Religion, I. Wie gemässigt Voltaire’s Ansichten überhaupt waren,
sofeme sie ins Praktische einschlugen, möge eine Stelle aus dem vertraulichsten
Briefwechsel beweisen: ,Je sais bien, qu’on ne detruira pas
la hierarchie etablie, puisqu’il en faut une au peuple; on n’abolira pas
la secte dominante, mais certainement on la rendra moins dominante et
moins dangereuse. Le christianisme deviendra plus raisonnable et par
consequent moins persecuteur. On traitera la religion en France comme
en Angleterre et en Holland, oü eile fait le moins de mal qu’il soit
possible. (A Helvetius, 26. Juni 1765.)
2 C’est que le theisme doit encore moins s’appeler une religion qu’un
Systeme de philosophie. (Art. Athee, II.) — On demande pourquoi, de
cinq ou six cents sectes, il n’y en a guere eu qui n’aient fait repandre
du sang, et que les theistes, qui sont partout si nombreux, n’ont jamais
cause le moindre tumulte? c’est que c.e sont des philosophes. (Art.
Theisme.)