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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 95. Band, (Jahrgang 1879)

Voltaire-Studien.

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Atheismus  die  früher  erwähnten  Beweisgänge  geltend.  Namentlich ­
  liess  er  es  sich  angelegen  sein,  die  Argumente,  welche
der  Atheismus  aus  der  Thatsache  des  Weltübels  schöpfte,  zu
entkräften.  Doch  hatte  er  gegen  diese  Doctrin  noch  weitere
Gründe  ins  Treffen  zu  führen.  Er  berief  sich  auf  die  geschichtliche ­
  Erfahrung.  Italien  war  z.  B.  im  fünfzehnten  Jahrhundert ­
  voll  Atheisten.  Was  ergab  sich  daraus?  Dass  es  so
gebräuchlich  wurde,  Gift  wie  Nachtessen  zu  verabreichen,  Dolchstösse
  wie  Umarmungen  auszutheilen.  Die  Zeit  des  Atheismus
ist  durch  Namen  wie  Sixtus  IV.,  Alexander  VI,  Cäsar  Borgia
gekennzeichnet  und  gerichtet. 1  Voltaire  gibt  zwar  zu,  dass
gebildete  Leute  von  guter  Lebensstellung  und  sanftem  Charakter ­
  sich  ohne  Schaden  für  die  Gesellschaft  werden  zum
Atheismus  bekennen  dürfen.  Allein  man  denke  sich  die  Armen,
die  Ungebildeten  ohne  den  Zügel  der  Religion,  ohne  die  Furcht
Gottes. 2  Oder  man  denke  sich  einen  atheistischen  Herrscher
ohne  das  Gefühl  der  Verantwortlichkeit.  ,Un  roi  athee  est
plus  dangereux  qu’un  Ravaillac  fanatiqueJ  3  Gerade  auf  das
Praktische,  die  sittliche  Wirkung  legt  Voltaire  hier  das  Hauptgewicht. ­
  Nur  diejenigen  Theisten,  sagt  er,  welche  glauben,
dass  Gott  den  Menschen  ein  natürliches  Gesetz  gegeben  habe,
besitzen  eine  Religion,  wenn  sie  auch  keinen  Cultus  äusserlich
mitmachen. 4  Eine  solche  praktische  Religion  darf  um  der
öffentlichen  Moralität  willen  niemals  von  der  Philosophie  beseitigt ­
  werden.  Der  Staat  hat  ein  Interesse  an  der  Existenz
der  Religion. 5  Besser  eine  schlechte  Religion,  als  gar  keine,

1  Histoire  de  Jenni,  11.  —  Essai,  136.
2  On  demande  ensuite,  si  un  peuple  d’athees  peut  subsister;  il  me  semble
qu’il  faut  distinguer  entre  le  peuple  proprement  dit,  et  une  societe  de
philosophes  au-dessus  du  peuple.  II  est  tres-vrai  que  par  tout  pays  la
populace  a  besoin  de  plus  grand  frein,  et  que  si  Bayle  avait  eu  seulement
  cinq  h  six  Cents  paysans  h  gouverner,  il  n’aurait  pas  manque  de
leur  annoncer  un  Dieu  remunerateur  et  vengeur.  (Art.  Atheisme,  I.)
3  Que  l’atheisme  est  un  monstre  tres-pernicieux  dans  ceux  qui  gouvernent;
qu’il  l’est  aussi  dans  les  gens  de  cabinet.  (Atheisme,  IV.)  —  Homelie  sur
l’atheisme  (1767).
4  Art.  Athee  II.
5  II  est  donc  absolument  necessaire  pour  les  princes  et  pour  les  peuples,
que  l’idee  d’un  Etre  supreme  ereateur,  gouverneur,  remunerateur  et  ven-
            
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