500
Werner.
dafür nehmen will. Dass dieser göttliche Denkwille als eine
in den Stoff projicirte lebendige Gestaltungsmacht, als lebendige
Naturidee thätig sein könne, ist ein nicht bloss Baco, sondern
seinem gesammten Zeitalter fremder Gedanke, der so lange
nicht gedacht werden konnte, als die Natur selbst nicht
als lebendige gedacht wurde; dies letztere war aber nicht
möglich so lange das Denken an dem unvermittelten Gegensätze
zwischen Stoff und Form als letztem höchstem Grundgegensatze
im Seienden haftete.
Baco scheint allerdings diesen Gegensatz überwinden und
eine Verlebendigung des Naturbegriffes anstreben zu wollen,
■wenn er sagt, dass durch die Ausdrücke Essentia, Substantia,
Natura, Potentia, Potestas, Vis, Virtus der Sache nach dasselbe
bezeichnet werde. 1 Allein abgesehen davon, dass es
sich hiebei nur um Einzelsubstanzen und Einzelpotenzen,
nicht um die Natur als Ganzes handelt, bedeutet Potentia für
die irdische Stofflichkeit nicht etwa das aus der Wesensform
der Substanz resultirende Kraft- und Wirkungsvermögen,
sondern vielmehr das Begehren derselben nach ihrer complirenden
Form; sie ist ihm mit der aristotelischen 2>cspY)!uq 2
identisch, und demzufolge eine rein passive Vermöglichkeit,
welche nichts anderes als die Bestimmbarkeit der irdischen
Stofflichkeit durch die siderischen Potenzen ausdrückt, und
durch die denknothwendige Alterabilität derselben involvirt
ist. Die himmlischen Körper sind inalterabel, weil in ihnen
der Appetitus materiae durch die Form vollkommen befriediget
ist; sie können keine andere Form begehren als jene, die
ihnen vom Anfang her eigen ist. Die irdische Stofflichkeit
aber ist durch die ihr von Natur aus eignende Form nicht
befriediget, sondern begehrt nach Formen, die ihr nicht von
Natur aus eignen, und von ihr auch nicht bleibend festgehalten
1 Comnran. Natur. I, pars 2, dist. 2, c. 4. — Vgl. den Eingang des Tractates
de multiplicatione specierum im Op. maj. p. 270: Essentia, substantia,
natura, potestas, potentia etc. significant eandem rem, sed
differunt ratione.
2 Vgl. Aristot. Physic. I, p. 191 b, lin. 13 ff.: tpxpsv ylyvsoOai u.tv ouoev
ajAco; Ix a7) ovxo:, ouxo; U-Ivio: ylyvEoO«’. EX (J.f) ovro; oiov xaiä cjup.ßsßrjxds
• ex y*p x% <jTEp7j3E(o;, o lax’. xxO’ atixo p.rj ö'v, oux Ivj-xp'/ov-o;
yfyvEiat n.