Kant und der Spiritismus.
14a
was dessen ,eigene Augen gesehen und eigene Ohren gehört
haben', oder docli haben wollen. Denn dieses allein könnte in
Kant’s Augen Swedenborg’s angeblichen Entdeckungen in der
Geisterwelt zum Range einer wirklichen Wissenschaft verhelfen.
Wie alle wirkliche Wissenschaft von der existirenden physischen
(materiellen) Welt nur durch Erfahrung, diese aber
nicht ohne Anschauung durch physische (äussere) Sinne möglich
ist, so könnte jede solche von der existirenden pneumatischen
(immateriellen) Welt gleichfalls nur auf Erfahrung,
diese aber müsste auf Anschauung durch pneumatische (innere)
Sinne gegründet sein. Swedenborg’s Unterscheidung eines
,äusseren' und eines ,inneren' Menschen in seiner eigenen
Person kommt dieser Auffassung entgegen. Als äusserer Mensch
mit den offenen Sinnen seines Leibes, ein Mensch in der
Menschenwelt, rühmt sich derselbe zugleich als innerer Mensch
mit den ,geöffneten' Sinnen seines Geistes ein Geist in der
Geisterwelt zu sein. Diese von ihm für sich in Anspruch genommene
Doppelnatur, als unter irdischen Schranken und Bedingungen
lebendes Menschen- und zugleich über dieselben
,im vollen Wachen' erhabenes Geister wesen, entspricht dessen
Doppelstellung in der Gelehrten- und Schriftstellerwelt als
Naturforscher und Geisterseher. In ersterer Eigenschaft wird
er von seinem Lobredner Sandei, der ihm im Namen der
schwedischen Akademie der Wissenschaften am 7. October 1772
die Gedächtnissrede hielt, seines auf ,Erfahrung und gesunder
Vernunft' gebauten Systemes wegen gerühmt. In letzterer
Eigenschaft, in welcher derjenige, dem ,wir kurz zuvor in
Grube, SclnnGlzhütte und Werkstätte gefolgt waren', gleichsam
,über den Wolken schwebe', werden daselbst dessen Entdeckungen
vorsichtigerweise weder als ,Erfahrung' noch als
,gesunde Vernunft', sondern als ,Schlüsse aus Sinnlichem auf
Uebersinnliches', bei welchen ,leicht Sinnestäuschung' sich einstelle,
bezeichnet. Swedenborg selbst hat auch diese durchaus
als ,Erfahrung' betrachtet. Auf dem Titel der Arcana coelestia
hat er den ausdrücklichen Zusatz gemacht: ,Una cum mirabilibus,
quae visa sunt in mundo spirituum et in Coelo angelorum'.
Der Schrift de ultimo judicio wie mehreren folgenden fügt er
bei: ex auditis et visis, und zum Beweis, dass er darauf
einen besonderen Nachdruck legte, heisst es in einem Brief