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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 93. Band, (Jahrgang 1879)

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Sickel.

der  Kanzlei  dienenden  vorgesetzt  war.  Diesem  ersten  Schritte
zu  einer  Neuerung  wird  bald  ein  zweiter  gefolgt  sein,  als,  wir
wissen  nicht  warum,  Baldric  schon  im  Jahre  855  vom  Schauplatze ­
  abtrat  und  in  Folge  davon  die  Schwierigkeit  den  Kanzlerposten ­
  zu  besetzen  sich  wiederholte.  Ein  den  König  stets  begleitender ­
  Kanzler  wird  gerade  damals  leichter  zu  entbehren
gewesen  sein,  da  die  Notare  nicht  allein  die  Dictamina  und
das  Schreibgeschäft  besorgten,  sondern  auch  die  Vollziehung
durch  Subscription,  und  da  andererseits  der  häufige  Aufenthalt
des  Erzkapellans  Grimold  am  königlichen  Hoflager  ihm  ermöglicht ­
  haben  wird,  die  nöthigen  Anordnungen  für  regelmässige ­
  Geschäftsführung  zu  treffen  und  die  erforderliche
Controle  auszuüben.  So  mag  das  zweite  Stadium  der  Neuerung
eingetreten  sein,  dass  der  Posten  des  Kanzlers  unbesetzt  blieb
und  alle  Leitung,  deren  die  Notare  bedurften,  dem  Erzkapellan
zufiel.  Allerdings  fand  sich  dann  in  den  Jahren  858—860  in
Witgar  wieder  ein  geeigneter  Kanzler.  Bei  seinem  baldigen
Rücktritt  1  wird  die  schon  gemachte  Erfahrung  wesentlich  dazu
beigetragen  haben,  sieh  ohne  neuen  Kanzler  zu  behelfen.  Die
Neuerung,  die  wir  vom  Jahre  854  zu  datiren  pflegen,  erscheint
mir  somit  nicht  als  eine  förmlich  geplante  und  sofort  wie  sie
gedacht  ausgeführte,  sondern  ich  meine,  sie  hat  sich  allmählich
aus  der  Sachlage  entwickelt  und  hat  sich  unter  den  obwaltenden ­
  Umständen  bewährt  und  eingebürgert.  Besonders  wird  dabei
die  Persönlichkeit  Grimolds  eingewirkt  haben.  Zunächst  konnte
er  als  Erzkapellan  sowohl  vacante  cancellaria  als  auch,  wenn
der  jeweilige  Kanzler  umgangen  war,  für  die  Recognition  einstehen, ­
  wofür  die  Namen  Hadebertus,  Hebarhardus  u.  s.  w.
nicht  genügten.  Er  wird  es  auch  verstanden  haben,  für  die
correcte  Erledigung  der  Geschäfte  durch  die  Notare  zu  sorgen,
ohne  dass  er,  worauf  ich  zurückkomme,  dauernd  in  der  Umgebung ­
  des  Königs  weilte.  Daher  hat  man,  als  870  das  Erzkapellanat
  an  Liutbert  von  Mainz  überging,  auch  diesem  die
Kanzlei  ohne  Kanzler  untergeordnet.  Und  obschon  Liutbert
sich  längere  Zeit  hindurch  fern  vom  Hofe  befunden  hat, 2
haben  die  Geschäfte,  soweit  wir  nach  den  Diplomen  zu  urtheilen
  vermögen,  darunter  nicht  gelitten.
1  Wir  wissen  leider  nicht,  ob  er  schon  860  Bischof  von  Augsburg  wurde.
2  Beitr.  zur  Dipl.  2,  154.
            
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