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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 93. Band, (Jahrgang 1879)

Ibn  Clmldun  und  seine  Culturgesphichte  der  islamischen  Reiche.

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Wir  werden  deshalb  auch  nicht  mit  ihm  rechten  über
den  negativen  Charakter  seiner  Philosophie;  wie  sollte  er  an
einen  bleibenden  Fortschritt  glauben,  der  mitten  in  dem  offenbaren ­
  Verfalle  des  alten  mohammedanischen  Staatswesens  lebte,
der  deutlich  die  Unhaltbarkeit  der  Zustände  seiner  Zeit  und
seines  Volkes  erkannte.  Leider  reichte  sein  Blick  nicht  über
die  Grenzen  des  arabischen  Culturkreises  hinaus  und  über
das,  was  jenseits  der  Grenzen  des  Islams  vorging,  hatte  er  nur
ungenügende  Kenntnisse.  Dennoch  scheint  er  auch  in  dieser
Hinsicht  durch  keine  Vorurtheile  seines  Volkes  und  Glaubens
beschränkt  gewesen  zu  sein,  denn  er  hebt  es  besonders  hervor,
dass  in  den  Ländern  der  Franken,  soweit  er  davon  Nachricht
erhalten  habe;  die  Wissenschaften  und  Studien  in  voller  Bliithe
stünden.  1
Auch  darf  es  nicht  unbeachtet  bleiben,  dass  er  die  Möglichkeit ­
  des  Fortschrittes  nicht  in  Abrede  stellt,  jedoch  denselben ­
  von  der  Stabilität  der  politischen  Verhältnisse  abhängig
macht. 2  Und  mit  dieser  Bemerkung  trifft  er  das  Richtige,
denn  an  dem  Mangel  von  politischer  Stabilität  ging  die  orientalische ­
  Cultur  zu  Grunde.  Hätten  die  mohammedanischen
Völker  eine  geregelte  Erbfolgeordnung  ihrer  Dynastien  besessen, ­
  so  hätte  die  Cultur  des  Orients  sich  ganz  anders  dauerhaft ­
  gezeigt  und  gewiss  würde  dann  auch  der  civilisatorische
Fortschritt  weit  nachdrücklicher  sich  geltend  gemacht  haben.
Die  zersetzende  Einwirkung  der  orientalischen  Polygamie
hingegen  blieb  von  Ibn  Olialdun  unerkannt.
Aber  gewiss  ist  er  einer  der  bedeutendsten  Geister  seines
Volkes  und  seiner  Zeit  und  verdiente  aus  diesem  Grunde  auch
bei  uns  mehr  Beachtung  zu  finden,  als  ihm  bisher  zu  Theil
geworden,  denn  mit  Ausnahme  Machiavelli’s  und  Vico’s  ist  er
allen  älteren  europäischen  Politikern  weit  überlegen, 3
Im  Oriente  ist  ihm  schon  längst  die  höchste  Anerkennung
gespendet  worden.  Schon  unter  Sultan  Mahmud  I.  wurden
seine  Prolegoinenen  (Mokaddamah)  ins  Türkische  übersetzt  und
1  III,  128  (92).
II,  295  (251).
3  ßocholl,  in  seiner  Philosophie  der  Geschichte  (Güttingen,  1878),  nennt
nicht  einmal  Ibn  Chaldun  und  weiss  über  die  Leistungen  der  orientalischen
Denker  so  gut  wie  nichts  zu  sagen.
            
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