Ibn Clmldun und seine Culturgesphichte der islamischen Reiche.
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Wir werden deshalb auch nicht mit ihm rechten über
den negativen Charakter seiner Philosophie; wie sollte er an
einen bleibenden Fortschritt glauben, der mitten in dem offenbaren
Verfalle des alten mohammedanischen Staatswesens lebte,
der deutlich die Unhaltbarkeit der Zustände seiner Zeit und
seines Volkes erkannte. Leider reichte sein Blick nicht über
die Grenzen des arabischen Culturkreises hinaus und über
das, was jenseits der Grenzen des Islams vorging, hatte er nur
ungenügende Kenntnisse. Dennoch scheint er auch in dieser
Hinsicht durch keine Vorurtheile seines Volkes und Glaubens
beschränkt gewesen zu sein, denn er hebt es besonders hervor,
dass in den Ländern der Franken, soweit er davon Nachricht
erhalten habe; die Wissenschaften und Studien in voller Bliithe
stünden. 1
Auch darf es nicht unbeachtet bleiben, dass er die Möglichkeit
des Fortschrittes nicht in Abrede stellt, jedoch denselben
von der Stabilität der politischen Verhältnisse abhängig
macht. 2 Und mit dieser Bemerkung trifft er das Richtige,
denn an dem Mangel von politischer Stabilität ging die orientalische
Cultur zu Grunde. Hätten die mohammedanischen
Völker eine geregelte Erbfolgeordnung ihrer Dynastien besessen,
so hätte die Cultur des Orients sich ganz anders dauerhaft
gezeigt und gewiss würde dann auch der civilisatorische
Fortschritt weit nachdrücklicher sich geltend gemacht haben.
Die zersetzende Einwirkung der orientalischen Polygamie
hingegen blieb von Ibn Olialdun unerkannt.
Aber gewiss ist er einer der bedeutendsten Geister seines
Volkes und seiner Zeit und verdiente aus diesem Grunde auch
bei uns mehr Beachtung zu finden, als ihm bisher zu Theil
geworden, denn mit Ausnahme Machiavelli’s und Vico’s ist er
allen älteren europäischen Politikern weit überlegen, 3
Im Oriente ist ihm schon längst die höchste Anerkennung
gespendet worden. Schon unter Sultan Mahmud I. wurden
seine Prolegoinenen (Mokaddamah) ins Türkische übersetzt und
1 III, 128 (92).
II, 295 (251).
3 ßocholl, in seiner Philosophie der Geschichte (Güttingen, 1878), nennt
nicht einmal Ibn Chaldun und weiss über die Leistungen der orientalischen
Denker so gut wie nichts zu sagen.