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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 93. Band, (Jahrgang 1879)

Ibn  Chaldun  und  seine  Cultnrgeschiclite  der  islamischen  Reiche.

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Durch  die  Eroberung,  sagt  er,  werden  die  Reiche  gegründet ­
  ;  um  Eroberungen  zu  machen,  braucht  der  Führer  der
Unternehmung  eine  starke  Stütze  und  eine  ergebene,  von  demselben ­
  Gemeinsinne  belebte  Masse  von  Anhängern.  Nun  ist
aber  die  Religion  das  kräftigste  Mittel,  die  Einstimmigkeit  der
Gefühle  und  Ueberzeugungen  herzustellen,  besonders  die  Eifersüchteleien ­
  zwischen  den  einzelnen  Stämmen  eines  von  einem
starken  Gemeinsinn  belebten  Volkes  verschwinden  zu  machen.
Bekommt  ein  solches  Volk,  geeinigt  durch  eine  religiöse  Ueberzeugung
  den  Anstoss  nach  einer  bestimmten  Richtung  hin,  so  kann
ihm  nichts  widerstehen.  Die  Bevölkerung  des  Reichs,  dessen
Eroberung  bezweckt  wird,  mag  noch  so  zahlreich  sein,  getrennt
durch  ihre  Interessen,  ohne  einigende  Idee,  muss  sie  jenem
unterliegen.  An  einer  andern  Stelle  sagt  er:  ,Bei  den  Kriegen
hängt  der  Erfolg  gewöhnlich  von  moralischen  Ursachen  ab,
die  auf  den  Geist  und  die  Einbildung  wirken;  die  grössere
Truppenzahl,  die  Vorzüglichkeit  der  Waffen  und  die  Unerschrockenheit ­
  des  Angriffes  genügen  zwar  manchmal,  um  den
Sieg  zu  sichern,  aber  diese  Hebel  sind  minder  wirksam  als
die  moralischen  Eindrücke'.  1
Besiegt,  verschwindet  das  unterworfene  Volk  ausserordentlich ­
  rasch  in  Folge  der  verweichlichten  Sitten  und  der  Entartung. ­
  2
Es  wird  zu  dieser  Darstellung  allerdings  nicht  unbemerkt
bleiben  dürfen,  dass,  wenn  er  den  Gemeinsinn  und  die  Religion
als  die  maassgebendsten  und  die  wirkungsvollsten  Elemente
der  Staatenbildung  kennzeichnet,  er  doch  sich  vollkommen
Rechenschaft  davon  gab,  dass  zwischen  beiden  ein  grosser
Unterschied  hinsichtlich  der  zeitlichen  Reihenfolge  ihres  Auftretens ­
  und  Einwirkens  besteht.  Denn  während  er  die  Entstehung ­
  des  primitivsten  Staatswesens  ausschliesslich  aus  dem
Gemeinsinne  der  Stammesmitglieder  und  dem  Bedürfnisse  des
gegenseitigen  Schutzes  ableitet  und  den  Gemeinsinn  als  den
ersten  Kitt  dieser  ältesten  Gesellschaft  anerkennt,  weiss  er
sehr  wohl,  dass  in  jener  Urzeit  von  Religion  keine  Rede  sein
konnte,  dass  also  die  Wirkung  der  Religion,  als  staatenbildenden

1  II,  133  (120).
2  I,  307  (268).

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