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K r e m e r.
Die grosse Bedeutung, die man im arabischen Alterthume
nach übereinstimmenden Berichten der Kenntniss der Genealogien
beilegte, wird hiedurch begreiflich; der Nachweis der
gleichen Abstammung konnte dem Stamme, so wie dem Einzelnen
Verbündete und Helfer in der Stunde der Gefahr verschaffen.
1
Eine andere Folge der vom Verkehr mit den Fremden
gänzlich abgeschnittenen Lebensweise der Wüstenstämme ist
es, dass sie meist nur unter sich heirathen und daher die Reinheit
der Rasse bewahren; nimmt die Vermischung mit Fremden
überhand, so verliert der Stamm dadurch die Eigenart, den
Sinn für die verwandtschaftlichen Beziehungen, es schwächt
sich der Gemeinsinn (das Nationalitätsgefühl) ab und allmälig
geht der Stamm seinem Verfalle entgegen. 2
Auf dieser durch die Schilderung der Stammesorganisation
gewonnenen Grundlage entwickelt Ibn Chaldun seine Theorie
über das Entstehen, die Ausbildung und den Verfall der Reiche
und Nationen.
Der wichtigste Factor ist hier, wie bereits bei dem Stamme
nachgewiesen wurde, der Gemeinsinn oder wie wir in der
modernen Ausdrucksweise sagen würden, die Nationalitätsidee.
Keine Herrschaft oder Dynastie, sagt Ibn Chaldun, kann begründet
werden ohne Unterstützung der Stammesangehörigen
(des Volkes) und des Gemeinsinnes (d. i. ohne einen stax’ken
nationalen Gedanken). 3
Dieser Gemeinsinn ist es, der allein über die Lebenskraft
und Dauer der Reiche entscheidet, denn er bildet gewissermassen
den belebenden Geist des Staates, je stärker er
ist, desto stärker ist der Staat und desto länger ist sein Bestand
gesichert. Am besten aber entwickelt sich dieser Gemeinsinn
unter den grossen Massen. 1
Der nächste ebenso wichtige staatenbildende Factor ist
nach Ibn Chaldun, der hierin getreulich die Erfahrungen der
morgenländischen Geschichte seit dem Auftreten des Islams
sich gegenwärtig hält, die Religion.
1 I, 270 (234).
2 I, 273 (238).
3 I, 318 (277).
4 I, 335 (294).