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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 93. Band, (Jahrgang 1879)

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K  r  e  m  e  r.

Die  grosse  Bedeutung,  die  man  im  arabischen  Alterthume
nach  übereinstimmenden  Berichten  der  Kenntniss  der  Genealogien ­
  beilegte,  wird  hiedurch  begreiflich;  der  Nachweis  der
gleichen  Abstammung  konnte  dem  Stamme,  so  wie  dem  Einzelnen ­
  Verbündete  und  Helfer  in  der  Stunde  der  Gefahr  verschaffen. ­
  1
Eine  andere  Folge  der  vom  Verkehr  mit  den  Fremden
gänzlich  abgeschnittenen  Lebensweise  der  Wüstenstämme  ist
es,  dass  sie  meist  nur  unter  sich  heirathen  und  daher  die  Reinheit ­
  der  Rasse  bewahren;  nimmt  die  Vermischung  mit  Fremden
überhand,  so  verliert  der  Stamm  dadurch  die  Eigenart,  den
Sinn  für  die  verwandtschaftlichen  Beziehungen,  es  schwächt
sich  der  Gemeinsinn  (das  Nationalitätsgefühl)  ab  und  allmälig
geht  der  Stamm  seinem  Verfalle  entgegen.  2
Auf  dieser  durch  die  Schilderung  der  Stammesorganisation
gewonnenen  Grundlage  entwickelt  Ibn  Chaldun  seine  Theorie
über  das  Entstehen,  die  Ausbildung  und  den  Verfall  der  Reiche
und  Nationen.
Der  wichtigste  Factor  ist  hier,  wie  bereits  bei  dem  Stamme
nachgewiesen  wurde,  der  Gemeinsinn  oder  wie  wir  in  der
modernen  Ausdrucksweise  sagen  würden,  die  Nationalitätsidee.
Keine  Herrschaft  oder  Dynastie,  sagt  Ibn  Chaldun,  kann  begründet ­
  werden  ohne  Unterstützung  der  Stammesangehörigen
(des  Volkes)  und  des  Gemeinsinnes  (d.  i.  ohne  einen  stax’ken
nationalen  Gedanken). 3
Dieser  Gemeinsinn  ist  es,  der  allein  über  die  Lebenskraft ­
  und  Dauer  der  Reiche  entscheidet,  denn  er  bildet  gewissermassen
  den  belebenden  Geist  des  Staates,  je  stärker  er
ist,  desto  stärker  ist  der  Staat  und  desto  länger  ist  sein  Bestand
gesichert.  Am  besten  aber  entwickelt  sich  dieser  Gemeinsinn
unter  den  grossen  Massen. 1
Der  nächste  ebenso  wichtige  staatenbildende  Factor  ist
nach  Ibn  Chaldun,  der  hierin  getreulich  die  Erfahrungen  der
morgenländischen  Geschichte  seit  dem  Auftreten  des  Islams
sich  gegenwärtig  hält,  die  Religion.
1  I,  270  (234).
2  I,  273  (238).
3  I,  318  (277).
4  I,  335  (294).
            
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