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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 93. Band, (Jahrgang 1879)

Ibn  Chaldun  und  seine  Cnlturgescliiclite  der  islamischen  Keiche.

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in  seiner  allgemeinen  Geschichte  vorliegen.  Dem  vergleichenden
Ueberblicke  der  Thatsachen  legte  er  den  höchsten  Werth  bei,
was  ihn  jedoch  nicht  behinderte,  auch  auf  speculativem  Wege
die  Theorien  begründen  zu  wollen,  die  er  auf  empirischem
Wege  gefunden  hatte.
Es  ist  also  ein  berechtigtes  Selbstgefühl,  wenn  er  von
seiner  Arbeit  sagt:  ,Es  ist  dies  eine  Wissenschaft  für  sich,
denn  sie  hat  vor  allem  ein  ganz  bestimmtes  Object,  nämlich
die  Civilisation  und  die  menschliche  Gesellschaft,  dann  handelt
sie  ferne  r  s  von  den  verschiedenen  Fragen,  die  dazu  dienen,
allmälig  Thatsachen  zu  erklären,  welche  mit  dem  Wesen  der
Civilisation  selbst  Zusammenhängen.  —  Die  Abschnitte,  in  welchen
wir  diesen  Gegenstand  behandeln,  enthalten  eine  neue  Wissenschaft, ­
  die  ebenso  merkwürdig  ist  durch  die  Originalität  ihrer
Ansichten  als  durch  die  Grösse  ihres  Nutzens.  Ich  entdeckte
sie  durch  mühevolle  Forschungen  und  tiefe  Betrachtungend  1
Es  darf  uns  nicht  überraschen  und  wir  dürfen  es  auch
nicht  für  etwas  anders  als  eine  mohammedanische  Redensart
ansehen,  wenn  Ibn  Chaldun  die  neue  Richtung  der  Geschichtsforschung, ­
  welche  er  einschlägt,  einer  göttlichen  Inspiration  und
höheren  Leitung  zuschreibt,  und  mit  dem  Koranverse  schliesst:
,Denn  Gott  leitet  mit  seiner  Erleuchtung  den,  an  welchem  er
Gefallen  findet'.  (Sur.  XXIV  v.  35.)
Der  Selbstständigkeit  seiner  Geschichtsauffassung  entspricht ­
  übrigens  auch  vollkommen  der  Plan  des  Werkes,  den
er  folgendermassen  entwickelt:  ,Der  Mensch  unterscheidet  sich
von  den  übrigen  lebenden  Geschöpfen  durch  Eigenschaften,
die  ihm  eigenthümlich  sind  und  hiezu  gehören  besonders  die
folgenden:  1.  die  Wissenschaften  und  Künste,  welche  ein  Product ­
  der  Reflexion  sind,  wodurch  sich  der  Mensch  von  den
Thieren  unterscheidet;  2.  das  Bedürfniss  einer  Autorität,  welche
Uebergriffe  zurückhält,  einer  Regierung,  die  im  Stande  ist  ihn
zu  bändigen.  Von  allen  lebenden  Wesen  ist  der  Mensch  das
einzige,  welches  ohne  dem  nicht  bestehen  kann,  denn  wenn
auch  die  Bienen  und  Heuschrecken 2  etwas  einer  Regierung
ähnliches  zeigen,  so  ist  dies  doch  nur  das  Ergebniss  des

1  I,  77  (61,  62).
2  Vgl.  Sprüche  30,  27.
            
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