Die Psychologie, Erkenntniss- und Wissensckaftslekre des Roger Baco. 511
Wissenschaften geliefert; den Wertli derselben glaubt jedoch
Baco nicht tief genug stellen zu können. Schon der Umstand,
dass die genannten Männer mehr oder weniger der Gegenwart
angehören, ist für Baco ein Grund, über sie den Stab zu
brechen. Er hält diese Zeitangehörigkeit auch bezüglich Gerhards
von Cremona fest, welcher laut Angabe des italienischen
Chronisten Pipini a. 1187 starb, nach Baco jedoch noch von
einigen seiner Zeitgenossen in deren Jugend gekannt worden
sein soll. Dem Gerhard war der noch lebende Hermannus
Alemannus befreundet, welcher Baco gestanden haben soll, dass
er gewisse Bücher über die Logik aus dem Arabischen zu
übersetzen nicht wagte, weil er sich auf Logik nicht verstehe. 1
Hermannus habe aber, fügt Baco bei, auch das Arabische nicht
verstanden, und sei seinem eigenen Bekenntniss zufolge mehr
Gehilfe beim Uebersetzungsgeschäfte, als wirklicher Uebersetzer
gewesen. An den Uebersetzungen, deren Verdienst Michael
Scotus sich zuschrieb, gebühre, wie allbekannt, der Hauptantheil
dem Juden Andreas.- Wilhelm der Vlamländer will Uebersetzungen
aus dem Griechischen liefern; alle Pariser Gelehrten
wissen, dass ihm jene Kenntniss des Griechischen, welche er
sich selber beilegt, abgeht, daher er Alles falsch übersetzt und
die Ursache unzähliger Missverständnisse wird. Allerdings hat
er versprochen, seine Uebersetzungsarbeiten zu verbessern und
neue zu veranstalten; Baco will sich aber durch Besichtigung
der verbesserten und neuen Arbeiten überzeugt haben, dass
Wilhelm sein Versprechen schlecht gehalten habe, und dasselbe
zu erfüllen überhaupt nicht im Stande sei. Es fehle ihm an
zureichenden Sprach- und Sachkenntnissen. 2 Dieser Vorwurf
gilt allgemein der gesammten zeitgenössischen lateinischen
Gelehrtenwelt. Das lateinische Abendland hat nur einen einzigen
sprachkundigen Uebersetzer aufzuweisen, den Boethius; und
1 Comp. stud. phil., o. 8. Ueber die etwas anders lautende Version dieser
Erzählung im Opus majus p. 44 siehe Oben S. 50G, Anm. 2. — Hermann
der Deutsche ist eine noch nicht hinlänglich aufgeklärte Persönlichkeit.
In der eben angezeigten Stelle des Comp. stud. phil. wird er zum Bischöfe
gemacht: Heremannus Alemannus adliue vivit episcopus.
2 Dieses Urtheil ist relativ noch immerhin milder, als jenes über Wilhelms
Vorgänger, von deren jedem es bei Baco einfach heisst: Nee scivit
scientias, neque linguas.