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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 93. Band, (Jahrgang 1879)

510  Werner.
thaten  bewältiget,  die  der  göttlichen  Wahrheit  widerstrebende
natürliche  menschliche  Weisheit  durch  die  Zeugnisse  und  Offenbarungen ­
  der  göttlichen  Weisheit  überwunden  werden.  Sie
widerstrebt  aber  nicht  ihrer  Natur  nach  Gott,  gleichwie  auch
die  natürliche  Magie  nicht  ihrer  Natur  nach  etwas  Gottwidriges
ist;  Philosophie  und  Magie  sind  vielmehr  ihrer  Natur  und  Bestimmung ­
  gemäss  höchsten,  heiligsten  Zwecken  dienstbar,  und
hatten  demnach  nach  Ueberwindung  des  gottwidrigen  Heidenthums ­
  zum  Heile  der  menschlichen  Gesellschaft  und  zur  Förderung ­
  der  göttlichen  Ehre  in  ihre  angestammten  Rechte  einzutreten. ­
  Die  Einsetzung  der  Philosophie  in  ihre  natürlichen
Rechte  wurde  indess  durch  die  Saumseligkeit  in  der  Uebertragung
  ihrer  Quellenschriften  nur  allzusehr  verzögert.  Die
späteren  Lehrer,  ein  Gratianus,  ein  Petrus  Lombardus,  ein
Hugo  und  Richard  a  Sancto  Victore  hatten  eben  so  wenig  als
die  altchristlichen  Lehrer  von  jenen  Quellenschriften  Kenntniss,
und  vernachlässigten  daher  die  Realphilosophie,  legten  sogar
die  vorurtheilsvollste  Eingenommenheit  gegen  dieselbe  an  den
Tag.  Mit  Recht  hat  man  sich  darüber  zu  wundern,  dass  das
Widerstreben  gegen  sie  auch  jetzt  noch  fortdauert,  wo  von
einem  Nichtwissen  um  das  Vorhandensein  ihrer  classischen  Urkunden ­
  und  Quellenschriften  nicht  mehr  die  Rede  sein  kann.
An  diesem  Umstande  tragen  zum  nicht  geringsten  Theile
unstreitig  die  schlechten  Uebersetzungen  Schuld,  die  in  der
ungebührlichen  Vernachlässigung  solider  grammatischer  Studien
oder  sonstiger  Unzulänglichkeit  der  Uebersetzer  ihren  Grund
haben. 1  Zwar  haben  Gerard  von  Cremona,  Michael  Scotus,
Alfred  der  Engländer,  Hermann  der  Deutsche,  Wilhelm  der
Vlamländer 2  eine  Masse  Uebersetzungen  von  Werken  aus  allen
1  Op.  tert.,  c.  25;  Comp.  stud.  phil.,  e.  8.
2  Gulielmus  Flemingus.  Dieser  Benennung  wird  Op.  tert.,  c.  25  die  Bezeichnung ­
  substituirt:  Translator  Meinfredi  nuper  a  domino  rege  Carolo
devicti.  Beidemale  ist  der  Dominicaner  Wilhelm  von  Moerbeka  gemeint,
der  sich  lange  im  Orient  aufhielt  und  a.  1280  Erzbischof  von  Korinth
wurde.  Er  gilt  gemeinhin  als  der  Verfasser  der  auf  den  Wunsch  des
Thomas  Aq.  angefertigten  Uebersetzungen  des  Aristoteles  aus  dem  griechischen ­
  Texte,  übertrug  aber  auch  sonst  Vieles,  Schriften  des  Galenus  und
Ilippokrates,  den  Commentar  des  Simplicius  über  die  Bücher  de  Coelo,
und  mehrere  Werke  des  Proklus,  deren  Urtext  seitdem  verloren  ging,
ins  Lateinische.
            
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