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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 93. Band, (Jahrgang 1879)

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Die  Psychologie,  Erkenntuiss-  und  Wissenschuftslehre  des  Roger  Baco.  489
agens  zu  unterscheiden  habe,  letzterer  aber  nicht  ein  Theil
oder  Vermögen  der  Seele  sei,  sondern  von  Aussen  her  auf
den  menschlichen  Intellect  wirke  und  die  Umbildung  der  sinnlichen ­
  Vorstellungen  in  Intellectivgedanken  erwirke.  In  der
That  haben  auch  —  fährt  Baco  weiter  —  bis  auf  unser  Jahrhundert ­
  herab  alle  Philosophen  und  Theologen  Gott  für  den
Intellectus  agens  genommen;  und  auch  dann,  als  bereits  die
gegentheilige  Ansicht  um  sich  griff,  welche  den  Intellectus  agens
zu  einem  der  menschlichen  Seele  eignenden  Vermögen  machen
wollte,  traten  die  zwei  bedeutendsten  Gelehrten  ihrer  Zeit,
Robert  von  Lincoln  und  Adam  de  Marisco  (Marsh)  noch  für
die  einzig  richtige  Ansicht  ein. 1  Dass  man  jetzt  so  hartnäckig ­
  das  Gegentheil  behauptet,  kann  nur  in  einer  falschen
Interpretation  des  Aristoteles  seinen  Grund  haben,  und  widerlegt ­
  sich  aus  dem  Gesammtinhalte  seiner  Lehre. 2  Der  Intellectus ­
  agens  und  Intellectus  possibilis  verhalten  sich  zu
einander,  wie  sich  gemeinhin  die  Causa  efficiens  zur  Materia
recipiens  actionem  efficientis  verhält.  Nun  aber  lautet  eine
der  Grundlehren  des  Aristoteles,  dass  die  Causa  efficiens  mit
dem  Stoffe,  an  welchem  sie  sich  bethätiget,  niemals  eine  Substanz ­
  ausmachen,  nicht  mit  dem  bearbeiteten  Stoffe  ein  Idem
secundum  numerum  et  speciem  sein  könne.  Somit  können
auch  der  Intellectus  agens  und  possibilis  nicht  Theile  oder  Constituenten
  des  menschlichen  Intellectes  sein.  Wenn  nun  eine
Stelle  im  dritten  Buche  des  aristotelischen  Werkes  de  Anima
so  übersetzt  wird,  dass  es  den  Anschein  hat,  als  ob  das  Agens
und  Patiens,  welche  beide,  wie  allenthalben,  so  auch  im  menschlichen ­
  Intellecte  vereiniget  sind,  in  ihrem  Zusammensein  gleichsam ­
  die  Natur  des  menschlichen  Intellectes  ausmachen, 3  so  ist
1  Baco  erzählt  (Op.  tert.,  c.  23)  von  seinem  Ordensgenossen  Adam  von
Marsh:  Quando  per  tentationem  et  derisionem  aliqui  Minores  praesumtuosi
  quaesiverunt  a  fratre  Adam:  Quid  est  intellectus  agens?  respondit:
Corvus  Eliae,  volens  per  hoc  dicere,  quod  fuit  Deus  vel  Angelus.  Op.
tert.,  c.  23.  Statt  ,Corvus  Eliae“  lautet  eine  andere  Leseart  oder  Version
dieses  Spruches  Adams:  ,Currus  Eliae“,  die  vielleicht  auch  die  richtigere
sein  dürfte.
2  Op.  maj.,  p.  20;  Op.  tert.,  c.  24.
3  Baco  führt  (Op.  tert.,  c.  24)  den  Wortlaut  der  nach  seiner  Ueberzeugung
unrichtigen  Uebersetzung  an:  Quoniam  autem  in  omni  natura  est  aliquid
quod  agat,  et  aliquid  quod  patiatur,  ita  erit  in  anima.  Die  entsprechenden

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