480
Werner.
corruptione 1 und de anima 2 unterlassen habe. Wenn er schon
durch seine Bemerkung-, es lasse sich die Herbeiziehung der
Vorstellung vom Vacuutn zu einem Argumente gegen die Vertheidiger
des Vacuum formen, seine Ansicht deutlich zu erkennen
gebe, so hat er doch nirgends gezeigt, dass die richtige
Erklärung des Nutritionsprocesses die Annahme eines Vacuum
geradezu ausschliesse; daher komme es, dass unter den Lateinern,
d. h. unter den zeitgenössischen Commentatoren des
Aristoteles, die verschiedensten und widersprechendsten Ansichten
zu Tage treten. Aristoteles sagte: Wenn das Aliment,
weil es als Körper nicht in die festen Theile des zu nährenden
Körpers eindringen könne, in den leeren Poren sich in Fleisch,
Knochen, Nerven u. s. w. soll verwandeln müssen, dann sei
es nicht Nahrung und Mehrung der genannten Theile des
nahrungsbedürftigen Körpers, sondern Erzeugung von Fleisch,
Knochen, Nerven ausser den schon vorhandenen bezüglichen
festen Körpertheilen, während doch diese die Nahrung und
Mehrung in sich selber als Ersatz für das Abgegebene und
Verlorene aufnehmen sollen. Dieser Bemängelung glaubten
Einige unter Anschluss an eine übel verstandene Aeusserung
des Avicenna aus dem Wege zu gehen, wenn sie den leeren
Poren, in welche nach Aristoteles die Nahrung nicht aufgenommen
werden kann, mit einer subtilen Flüssigkeit gefüllte
Poren substituirten, in welchen sich die Wandlung des Alimentes
in Fleisch, Knochen, Nerven u. s. w. vollziehe. Aber diesen
gegenüber bleibt die aristotelische Forderung einer Nutrition und
Mehrung der lebendigen Substanz von Innen heraus bestehen;
nur die Mineralien können sich durch Anbildung von Aussen
vergrössern. Andere sagen, das Aliment werde durch seine Verarbeitung
entstofft und dringe als unkörperliches Nahrungselement
in die zu ernährenden und zu augmentirenden festen Körpertheile
ein. Aristoteles weist indess eine derartige Umwandlung
des Nahrungsstoffes entschieden ab, wie schwierig es auch sein
mag, den wahren Sinn des an der betreffenden Stelle augenscheinlich
corrupten Textes zu ermitteln. Die Nutrition involvirt
als Ersatz und Mehrung des verbrauchten Körperstoffes
1 Siehe Arist. Gen. et. Corr. I, p. 325, 326.
2 Aristot. An. II, p. 416.