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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 93. Band, (Jahrgang 1879)

474  Werner.
seele;  daraus  würde  also  folgen,  dass  mit  der  Corruption  der
beiden  genannten  corruptiblen  Theile  die  Menschenseele  selber
zu  sein  aufhören  müsste.  Duns  Scotus  beruft  sich  zur  Bestätigung ­
  seiner  Widerlegung  auf  das  von  ihm  für  Augustins
Werk  gehaltene  Buch  de  Spiritu  et  Anima,  dessen  Auctorität
aber  freilich  Baco,  dem  die  Unächtheit  desselben  bereits  bekannt ­
  war,  nicht  gelten  lassen  mag, 1  und  eben  so  wenig  jene
des  gleichfalls  nicht  von  Augustinus  herrührenden  Liber  de
dogmatibus  ecclesiasticis.  Man  finde  in  diesen  beiden  Büchern
allerdings  den  Satz  ausgesprochen,  dass  die  drei  Principien,
das  Intellectiv-,  Sensations-  und  Yegetativprincip  auf  einmal  geschaffen ­
  werden;  aber  selbst  wenn  dieser  Ausspruch  von  einem
Kirchenlehrer  herrühren  sollte  —  wer  weiss  nicht,  dass  die
altchristlichen  Lehrer  gewisse  Gegenstände  nur  obenhin  und
in  populärer  Sprechweise  berühren,  ohne  über  die  philosophische ­
  Natur  derselben  etwas  entscheiden  zu  wollen.  So  spricht
Papst  Gregor  in  einer  seiner  Homilien  den  Pflanzen  die  Beseelung ­
  ab, 2  und  die  Kirche  verleiht  seinem  Ausspruche  durch
die  feierliche  Verlesung  jener  Homilie  beim  Gottesdienste  gewisser ­
  Maassen  eine  perpetuirliche  Dauer. 3  Und  doch  wissen
alle  Theologen  und  Philosophen,  dass  die  Pflanzen  eine  Seele
haben,  und  zwar  im  Unterschiede  von  den  Thieren  eine  bloss
vegetative,  während  den  Thieren  zugleich  eine  sensitive  Seele
zukommt.  Die  Verrichtungen  beider  Seelen  sind  im  Menschen
dieselben,  wie  bei  Pflanze  und  Thier;  diess  spricht  dafür,  dass
die  vegetative  und  sensitive  Seele  im  Menschen  derselben  Natur
seien,  wie  bei  Pflanze  und  Thier,  und  dass  sie  auf  demselben
Wege,  wie  beim  Thiere  erzeugt  werden.  Man  sieht,  Baco  weiss

*  Auch  Thomas  wusste  bereits  um  die  Unächtheit  dieser  Schrift.  Vgl.
Sum.  1  qu.  77,  art.  8.
2  Gregor  spricht  mit  der  Bibel  bloss  von  Seelen  der  Menschen  und  Thiere:
Potest  per  animam  omnis  viventis  jumentorum  vita  signari.  Omnipotens
Deus  jumentorum  animam  usque  ad  corporeos  sensus  vivificat,  hominum
vero  spiritum  usque  ad  spiritualem  intellectum  tendit.  In  Job,  Lib.  XI,
c.  5  (ad.  Job  12,  10).
3  Baco  citirt  als  Worte  Gregors  den  Ausspruch:  Plantae  non  habent  animam ­
  sed  viriditatem.  Den  Pflanzen  eine  Seele  abzuerkennen,  entspreche
der  volksmässigen  Anschauung:  Imo  vulgus  laicorum  in  multis  regionibus
adhuc  credit,  quod  soli  homines  animas  habeant.  Unde  derident  clericos,
qui  dicunt,  canes  et  cetera  bruta  habere  animas.  Commun.  Natur.,  fol.  80.
            
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