Die Entwicklung der Staatswiasenscliaft hei den Griechen.
281
liehen Organes, wir möchten sagen durchtränkt, dass wir schon
gar nicht mehr sehen, wie weder der Orient noch das königliche
Griechenland, geschweige denn die Tyrannis, jemals auch
nur daran gedacht haben, weder in der ersten die Freiheit,
noch in der letzten die Ordnung des Staats zu finden. Wahl
und Organisation der obersten Behörden sind absolut neue
Erscheinungen ; ja sie sind eine neue Staatsordnung für sich,
die Grundlage der grossartigsten Harmonie im Staate, die man
zu denken vermag. Und deshalb sind beide Principien der
ganzen folgenden Geschichte nie wieder verloren gegangen;
verloren scheint nur die Erinnerung daran, dass wir beide erst
den Verfassungen von Lykurg und Solon verdanken. Und
eben so verdanken wir ihnen genau auf demselben Punkte den
Begriff und das Recht des allgemeinen Stimmrechts. Es ist
so leicht das Wort zu gebrauchen — und doch müssen wir
sagen, dass man seine wahre Bedeutung überhaupt nicht versteht,
wenn man nicht Begriff und Wesen des Besitzes und
seiner gesellschaftlichen Ordnung mit ihm in Verbindung bringt.
Das allgemeine Stimmrecht heisst für jene grosse Staatsauffassung
nicht abstract das Recht, dass jeder eine Stimme habe,
sondern es bedeutet ihnen vielmehr das Recht, dass die Stimme
jedes Berechtigten gleich sein soll ohne Rücksicht auf den
Besitz. Das ist das Stimmrecht jedes möge er
dieser oder jener Gasse angehören; durch die gibt
sich der freie Hellene selbst sein Haupt; ein ’iijcwp.x ist bei
dem Königthum unmöglich wie bei der Tyrannis; erst die
Stimmscherbe ist die Wirklichkeit der auTdpxsia. Die Organisation
aber, in welche durch die Abstimmung bei der Wahl
der Einzelne hineingewählt wird, ist eben deshalb nicht meinem
ßaaiXiz/r, ap-/;<j, nicht mehr eine objective Macht für den der
sie besitzt, sondern sie wird durch die Wahl für den Gewählten
ein Auftrag, für dessen Vollziehung er dem Wähler verantwortlich
wird. Und so ist ein gewaltiger Gedanke hier zuerst
in der Weltgeschichte verwirklicht. Diese Wahl, wie sie Lykurg
und Solon aus dem tiefen Grunde des Hellenenthums hervorriefen,
ist jetzt nicht mehr ein mechanischer, mathematischer
Process an der Stimmurne, er ist vielmehr die Bethätigung
eben jenes in jedem Griechenherzen lebendigen Staatsbewusstseins,
das seine Pflicht gegen den Staat nicht im blossen