Die Entwicklung der Staatswissenachaft bei den Griechen.
267
gestanden. Sie haben ihre Arbeit unermüdlich, wenn auch
schweigend fortgesetzt; schon zu Solons Zeit ist Griechenland
ein anderes wie zur Zeit Lykurgs. Und daher wird kein Kundiger
erwarten, dass die Solonische Gesetzgebung der Lykurgischen
gleich sein konnte. Dennoch aber, bei allen tiefen
Unterschieden, welche sie darbieten, erscheinen sie doch zuletzt
als Gestaltungen und Selbstbestimmungen eines und desselben
Volkes; ein und derselbe Geist wollt uns aus ihnen entgegen,
aber auch zugleich beherrscht ein und dasselbe Gesetz der
Rechts- und Staatsbildung, ein Gesetz das jene empfunden ohne
es noch klar zu wissen, diese Gesetzgebungen des Anfangs
der eigentlich griechischen Geschichte. Doch vermöge dieses
Gesetzes können wir diese grosse Epoche in einem Griffe zusammenfassen;
nur dass es dabei verstattet sein muss, die
festen Punkto zu Grunde zu legen, die auch hier das Leben
tragen und in ihrem Gegensätze beherrschen.
VI.
Wir glauben, dass es als eine der grossen feststehenden
Thatsachen der griechischen Geschichte anerkannt wird, dass
der Epoche der alten Landes- oder Stammkönige fast allenthalben
eine zweite folgt, die man als die Zeit der Tyrannen
zu bezeichnen pflegt. Sie gehen den sogenannten Verfassungen
vorauf, aber sie erscheinen bei näherer Betrachtung doch mit
der tiefen historischen Bewegung in der staatlichen Rechtsbildung
Griechenlands so innig verbunden, dass wir sie selbst
so gut wie die letztem, wenn auch nicht vom pragmatischen,
so doch vom staatswissenschaftlichen Standpunkte betrachten
dürfen.
Von dem Staate redend, denken die meisten an die Summe
seiner organischen Erscheinungen, seinen Körper im Laude,
seine Seele im Volke, seinen Willen in der Gesetzgebung, seine.
That in der Vollziehung, sein Dasein als eine grosse, die
grösste organische Thatsache des persönlichen Lebens. Und
gewiss ist das an sich richtig. Allein Eines fehlt in dieser
Auffassung. Es ist aber unabweisbar, dies in der geistigen
Anschauung festzuhalten. Denn auch das Verständniss der
Geschichte ist nicht ohne dasselbe möglich.