Die Urkunden Karls III.
487
sonst häufig durch hoc est eingeleitet, 1 die Pertinenzformel zeigt
in den Worten cum . . servis et ancülis olivetis . . portibus
navigationibus . . ficubus pastibus et semper in tercio anno precaviis
. . italienische Elemente, welche den Reichenauer Urkunden
ganz fremd waren und dort in ihrer richtigen Formulirung
kaum erfunden werden konnten. Noch ein anderer
Italianismus fratres Augiae monasterii obedienti iussione . . obtulerunt
macht sich bemerklich. Das Chrismon ist jenem Inquirins
ganz unähnlich und unbeholfen, das Siegel scheint echt
zu sein. Ueber die Schrift der Urkunde bemerkt K. Pertz, 2
dass sie auffallend steif und scharfeckig und dass das a an
die langobardische Form erinnere; er knüpft daran die Frage,
ob die Urkunde vielleicht von einem italienischen Schreiber
geschrieben sei. Für die Richtigkeit dieser Vermuthung
sprechen die Italianismen; dieser Umstand würde aber auch
die Unregelmässigkeiten und Abweichungen zur Genüge erklären.
Noch weniger lässt sich sachlich etwas gegen die Urkunde
einwenden; Reichenau besass nachweislich Besitzungen an dem
ersten der genannten Orte — ,in Trernctis', jetzt Tremezzo am
Corner See — und führte über die Zugehörigkeit von sechs
Mansen langen Streit mit S. Ambrogio, in dem diese unter
Karl III. dem letzteren Kloster, von Königsboten Arnolfs Reichenau,
unter Lambert aber wieder S. Ambrogio gerichtlich
zugesprochen wurden. 3 Einen Besitztitel für Italien zu fälschen
fühlte man sich in Reichenau doch kaum veranlasst. Von der
Schenkung Karlmanns findet sich keine weitere Spur. Möglich
dass die Originalität der Urkunde Karls III. in Frage steht,
die Echtheit des Inhalts dürfte gesichert sein.
Berechtigteren Verdacht erregt eine zweite Reichenauer
Urkunde, 1 von der Dümge erklärt, dass er sie nur als Probe
der Fälschungen dieses Klosters abdrucke. Wenn Karl im
Titel und in der Signumzeile — die Urkunde datirt von 883
— noch rex genannt wird, während es und noch dazu mit
1 Hoc est Orig. nr. G2, 76, 137, Copie nr. 13G; id ent Orig. nr. 41, 44, 61,
7ö, 129, 134, Copie lir. 2, 109, 113, 130, 155, hii sunt Orig. nr. 85.
2 In seiner Abschrift im alten Apparat (1er M. G.
3 Cod. Langob. 502, G13, beide Notitiae aus dem Archiv von S. Ambrogio.
4 nr. 95.