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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  vornan.  Welt  und  ihr  Verhältuiss  zu  den  Keformideen  des  Mittelalters.  513

des  Moses,  die  Michel  Angelo,  in  seinen  kühnen  Conceptionen
dem  Papste  geistig-  verwandt,  in  erhabener  Genialität  schuf,
spricht  am  besten  den  Gedanken  der  Zeit  über  Julius  II.  aus.
Schon  am  4.  März  bezogen  die  Cardinäle  das  Conclave. 1
Sie  forderten  Ludwig  XII.  auf,  2  vom  Schisma  abzulassen,  gewährten ­
  den  Römern  einige  Freiheiten,  um  welche  sie  gebeten,
schützten,  nachdem  die  Römer  die  Abtei  von  St.  Paul  bereits
geplündert,  wenigstens  die  übrigen  Klöster  3  und  wählten  dann
am  achten  Tage  bereits  den  Sohn  Lorenzos  il  magnifico  und
der  Clara  Orsina,  den  Cardinal  Johann,  Bruder  des  aus  Florenz
vertriebenen  Pietro,  und  selbst  in  der  Schlacht  bei  Ravenna  von
den  Franzosen  gefangen,  einstimmig  zum  Papste.  Er  nannte
sich  Leo  X.;  der  neunte  dieses  Namens  war  der  grosse  deutsche
Papst  gewesen.  Er  war  um  dreiunddreissig  Jahre  jünger  als
sein  Vorgänger  und  stand  selbst  im  siebenunddreissigsten
Lebensjahre.  4
Die  geistlichen  Wahlherren  hatten  Zeit  gehabt,  zu  ihren
Gunsten  eine  ganze  Verfassung  auszuarbeiten,  die  der  Gewählte
zu  beschwören  hatte. 5  Die  ärmeren  Cardinäle 6  sollten  jeder
7000  Ducaten  Einkünfte  erhalten,  gegen  alle  nur  nach  Rechtswegen ­
  eingeschritten  werden  dürfen.  Die  Cardinäle  erhielten  für
ihre  Pfründen  die  vollste  Immunität  und  bildeten  eine  unantastbare ­
  reiche  Körperschaft,  von  welcher  der  Papst  abhängig  war.
Dieser  sollte  durch  seine  Legate  und  Nuntien  unter  den  christlichen ­
  Fürsten  Frieden  und  Eintracht  stiften,  die  Curie  in
Haupt  und  Gliedern  reformiren, 7  den  päpstlichen  Hof
in  Rom  belassen.  Alle  Privilegien  der  Cardinäle  wurden

1  Ueber  den  Zustand  Roms  bei  dem  Tode  Papst  .Julius’  II.  Qurita  X.  c.  57.
2  Lettres  de  Louis  XII.  T.  IV.  p.  62.
3  Nisi  patres  proliibuissent  forsitan  loca  alia  saera  depraedata  essent  prout
proposuerunt  etiam  bostiliter  diripere.  Par.
4  Die  Geschichte  des  Conclave  in  den  lettres  de  Louis  XII.  T.  IV  p.  63
bis  80.  Bald  nach  seiner  Wahl,  die  nach  Roscoe  (vita  Leonis  III,  n.  33,
S.  62)  ein  Sieg  der  jüngeren  Cardinäle  über  die  älteren  gewesen  sein
soll,  verbreitete  sich  das  Gerücht,  Leo  sei  an  Gift  gestorben.
s  Mitgetheilt  im  Diarium  des  Ceremonienmeisters  Paris.  MS.
6  d.  h.  jene,  die  nicht  5000  Ducaten  Einkünfte  besassen.
7  Die  Stelle  lautet:  Romanam  curiam  in  capite  et  in  membris  reformabit
et  inceptam  per  Julium  f.  r.  continuabit  reformationem  hisque  modo  et
forma  prout  coepta  est  absque  alia  excusatione  vel  mora.
            
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