Die roman. Welt und ihr Verliältniss zu den Reforraideen des Mittelalters. 4:87
Da Savonarola erst am 23. Mai 1498 mit seinen beiden
Unglücksgefährten den Tod am Galgen fand, von dem aus
die Leichen in den unterhalb angeziindeten Holzstoss fielen,
konnte man sagen, er hätte unter diesen Umständen die Sorge
um die Reform der Kirche füglich dem Papst überlassen
können, dem freilich ebenso der sittliche Halt dazu fehlte,
als Savonarola die äussere Stellung und Autorität. War es
der Tod des lästigen Mahners, der Alexander VI. der Sorge
enthob, die angebahnte Reform zu beeilen, war es der Einfluss,
welchen Cesare Borgia über Alexander erlangte, sicher
ist, dass nach dem tragischen Untergange des Priors von San
Marco der Ruf nach Reform in den unteren Schichten der
Kirche als zu gefährlich verstummte und bei dem Papste die
Reformbegierde in dem Maasse verrauchte, in welchem sich
der Schmerz über den Tod seines älteren Sohnes verzog, das
Uebergewicht Cesare’s über seinen Vater zur vollendeten Thatsache
wurde. 1
Bereits hatte er an K. Ferdinand geschrieben 2 und ihm
seine Absicht mitgetheilt, auf das Papstthum zu resigniren,
letzterer ihm jedoch geantwortet, er möge den Schritt wohl
überlegen. Hingegen erhielt der spanische Orator Garcilasso
den Auftrag, die Reformation nach Kräften zu betreiben, was
dieser denn auch that. Auch Don Manuel, König von Portugal,
trat dafür ein. Eine eigene Gesandtschaft, welche der
König von Aranda am Duero aus (1498) nach Rom sandte, sollte
den Papst bei dem Blute Christi beschwören, die Reform
der Kirche und des römischen Stuhles vorzunehmen, den
offenen Lastern zu steuern, die Sitten zu bessern und sein
hohes Amt in erbaulicher Weise zum Nutzen und zur Auf-1
Vou 1492 — 1498, schreibt der Zeitgenosse Savonarola’s, Cerretani: fu guidato
nella cittä di Firenze dalla parte Fratesea — so nannte man die
Anhänger Savonarola’s — ogni cosa molto gagliardamente. Anders aber
wurde es von 1498—1502: nel quäl tempo occorse piü mali, il primo
ch’ egli era solo punito chi era nimico di quella fazione che reggeva e
cosi onorato l’altro; e che si spese i denari e si perdette il credito della
cittä e cosi gli uomini di qualche giudizio e pratica si morirono. Vergl.
auch Nuovi documenti su Girolamo Savonarola. Archivio storico lombardo,
1874, p. 327.
2 gurita, Hist. T. I, f. 125.
3 Osorius p. 22.